04.07.2026 Chemnitz

Endlich war es so weit – heute ging unser langersehnter Urlaub los!

Nach den letzten arbeitsreichen Tagen fühlte sich der Samstagmorgen fast unwirklich an. Die letzte Telko vom Freitag lag hinter uns, die Kinder hatten stolz ihre Zeugnisse mit nach Hause gebracht, und gestern Abend war das Wohnmobil bis auf den letzten Winkel gepackt worden. Heute mussten wir nur noch die letzten Kleinigkeiten verstauen – und dann konnte es endlich losgehen. Vorerst leider ohne Ulli, Sie hat nicht so viel Urlaub am Stück bekommen. Aber voraussichtlich in Vilnius stößt Sie zu uns.

Unser Ziel für die kommenden Wochen: das Baltikum. Estland, Lettland und Litauen standen schon lange auf unserer Wunschliste, und nun machten wir uns tatsächlich auf den Weg.

Gegen 12 Uhr waren wir schließlich startklar. Bei strahlendem Sonnenschein rollten wir los und nahmen Kurs Richtung Osten. Die Stimmung war bestens, alle waren voller Vorfreude und die ersten Kilometer vergingen ganz entspannt – begleitet von einer Folge der ???, die im Wohnmobil für die passende Einstimmung sorgte.

Unser erster Zwischenstopp führte uns nach Chemnitz zu den Großeltern. Ein schöner Auftakt unserer Reise, bevor morgen die erste richtige Etappe in Richtung Baltikum beginnt.

Kilometerstand (Start): 85247 km
Kilometerstand: 85402 km
Tagesetappe: 155 km

05.07.2026 Chemnitz

Nach dem Frühstück fuhren wir ins Industrie Museum. Seit vielen Jahren engagiert sich Opa Dieter ehrenamtlich und er wollte uns unbedingt die Sonderausstellung "Maschinen-Minis: Technik entdecken – MINT erleben!" anlässlich des 100. Geburtstages des Chemnitzer Ehrenbürgers Prof. Dr. Carl Horst Hahn zeigen.

Hier konnten die Kinder an verschiedenen Ständen kreativ sein und erste Erfahrungen als Maschinenbauer sammeln. Ob hydraulisch gesteuertes Labyrinth, Metallbaukästen oder drucken mit Legobausteinen. Für jeden war was dabei. Wir entschieden uns aber für das Konstruieren mit Infento, einem Baukastensystem um echte Fahrzeuge zu bauen. Eine gute Stunde suchten, schraubten unf fluchten wir alle, dann war unser erstes Fahrzeug fertig. Es würde zwar sicher keinen Designpreis gewinnen und in den Kurven war es erschreckend instabil, aber wir hatten es selber zusammengeschraubt. Leider war es mir nicht gelungen, den zugehörigen Motor zu aktivieren, so blieb es bei einer Art Roller ohne eigenem Antrieb. Die Sonderausstellung ist rundherum gelungen und sehr sehenswert. Leider scheint sich das aber noch nicht herumgesprochen zu haben, zumindest waren heute sehr wenige Besucher gekommen.

Am Nachmittag haben wir uns noch mit Freunden bei Emils getroffen und bei Kaffee und Kuchen geplaudert und Pläne geschmiedet.

Kilometerstand: 85402 km
Tagesetappe: 0 km

06.07.2026 Freiberg

Heute wollten wir weiter Richtung Osten fahren. Schneekuppe? Dresden? Oder doch erstmal nach Berlin? Das sehr wechselhafte Wetter mit Regen und niedrigen Temperaturen machte es auch nicht einfacher und so entschieden wir uns für Freiberg. Genauer gesagt den Stellplatz direkt am Johannisbad. An diesem wirklich sehr schöne Ort waren wir schon mehrmals. Vor einigen Jahren hat Marlon hier sogar schwimmen gelernt und direkt sein Seepferdchen gemacht.

Vorher mussten wir aber noch zu Hornbach, um Gasflasche zu tauschen und Antirutschmatten und ein USB-Kabel zu kaufen. Anschließend fuhren wir zu Lidl, wo wir für 264€ unsere Vorräte auffüllten.

Nach kurzen, entspannter Fahrt kamen wir in Freiberg an und gingen ins Bad. Es war nicht wirklich gut besucht und bekamen sogar noch zwei Liegen ab. Den restlichen Nachmittag verbrachten wir mit schwimmen, planschen, rutschen und diversen Wasserschlachten.

Zurück am Wohnmobil testeten wir unseren Ofen und bereiteten zwei Pizzas zu. Mmh, lecker.

Heute war Kinoabend und wir schauten uns den Film "Der Frosch mit der Maske" von Edgar Wallace an. Schwarz/Weiss und uralt, die Kinder waren begeistert...aber zum Schluss haben beide wohlwollend geäußert "...besser wie gedacht...". Das macht doch Hoffnung für die nächsten 32 Edgar Wallace Filme.

Kilometerstand: 85457 km
Tagesetappe: 55 km

07.07.2026 Dresden

Wir waren fast allein auf dem Stellplatz am Johannisbad und haben herrlich geschlafen. Wieder einmal bestätigte sich unsere Erfahrung: Nirgendwo schlafen wir so gut – und vor allem so lange – wie im Wohnmobil. Vielleicht liegt es an der Ruhe, vielleicht am Gefühl, dass der Urlaub direkt vor der Tür beginnt. Wahrscheinlich von allem ein bisschen.

Zum Frühstück hatten sich die Kinder Müsli gewünscht. Eigentlich nichts Besonderes – außer bei uns. Zu Hause gibt es so gut wie nie Müsli, weshalb es im Urlaub fast schon zu einem kleinen Ritual geworden ist.

Gut gestärkt machten wir uns anschließend auf den Weg nach Dresden. Die Strecke dorthin entwickelte sich allerdings zu einer kleinen Geduldsprobe. Baustellen, Umleitungen und Tempolimits wechselten sich gefühlt im Minutentakt ab. Irgendwann scherzten wir schon, dass Dresden heute wohl komplett verlegt worden sein musste.

Am Dresdner City Hostel hatten wir dagegen sofort Glück. Zwischen einigen anderen Wohnmobilen fanden wir problemlos einen Parkplatz und konnten dort für gerade einmal zehn Euro ganze 24 Stunden stehen bleiben – ein echtes Schnäppchen für diese Lage.

Von dort waren es nur wenige Minuten bis in die Innenstadt. Da wir Dresden erst vor Kurzem besucht hatten, verzichteten wir diesmal bewusst auf Frauenkirche, Zwinger und Co. Stattdessen stand ein ausgedehnter Einkaufsbummel auf dem Programm – sehr zur Freude von Marla.

Am frühen Nachmittag meldete sich der Hunger und wir kehrten bei einem großen amerikanischen Fast-Food-Restaurant ein. Frisch gestärkt ging die Shoppingtour weiter, allerdings mit eher überschaubarem Erfolg. Weder der Zalando Outlet Store, noch die großen Modeketten oder ein Secondhandladen konnten uns so richtig überzeugen. Am Ende war Marlon der Einzige, der fündig wurde und sich ein orangefarbenes Trikot aussuchte.

Aber eigentlich war das auch gar nicht wichtig. Gemeinsam durch die Stadt zu bummeln, in die Schaufenster zu schauen und einfach Zeit miteinander zu verbringen, machte mindestens genauso viel Spaß. Zum krönenden Abschluss gönnten wir uns noch jeder einen großen Eisbecher.

Zurück am Wohnmobil ließen wir den Tag ganz entspannt ausklingen. Nach einigen ausgedehnten Skatrunden bereiteten wir unser Abendbrot zu und machten es uns anschließend mit dem Edgar-Wallace-Klassiker "Der rote Kreis" gemütlich. Langsam entwickelt sich daraus tatsächlich eine kleine Urlaubstradition.

Kilometerstand: 85502 km
Tagesetappe: 45 km

08.07.2026 Jelenia Góra

Auch diese Nacht haben wir wieder hervorragend geschlafen. Langsam sind wir uns sicher: Im Wohnmobil schlafen wir einfach besser als zu Hause. Nach einem gemütlichen Frühstück mit frisch aufgebackenen Brötchen machten wir uns auf den Weg in Richtung Polen.

Unser erster Stopp war ein Einkaufszentrum in Görlitz. Neben einem kleinen Mittagessen stand auch der Einkauf einiger wichtiger Dinge auf dem Programm. Endlich fanden wir wieder eine Butterdose – unsere war unterwegs irgendwie abhandengekommen. Noch größer war allerdings die Freude der Kinder, die ihr inzwischen schmerzlich vermisstes Tomatenmark wiederbekamen. Manchmal sind es eben die kleinen Dinge, die im Urlaub für gute Laune sorgen.

Anschließend ging es weiter nach Jelenia Góra. Ganz in der Nähe der Altstadt entdeckten wir einen großen, inoffiziellen Parkplatz, auf dem bereits einige Fahrzeuge standen. Der Platz machte einen guten Eindruck, sodass wir beschlossen, dort auch die Nacht zu verbringen.

Von dort aus waren es nur wenige Minuten bis ins Zentrum. Bei einem kurzen Stadtbummel besorgten wir zunächst etwas Bargeld. Am Geldautomaten wurden wir gefragt, ob wir den Betrag zum festen Umrechnungskurs in Euro abrechnen möchten – eine bekannte Touristenfalle. Natürlich lehnten wir dankend ab und ließen die Abbuchung ganz normal in Złoty erfolgen.

Anschließend gönnten wir uns alle ein Eis. Besonders witzig fanden wir, dass jede Portion vor dem Bezahlen sorgfältig gewogen wurde. So konnte wirklich niemand behaupten, zu wenig Eis bekommen zu haben.

Auf dem Rückweg kauften wir noch frisches Brot für das Abendessen und schauten uns eine der schönen Kirchen der Stadt an, bevor wir zum Wohnmobil zurückkehrten.

Dort wurde natürlich erst einmal wieder Skat gespielt. Beim Ramsch lief es für Marlon allerdings überhaupt nicht nach Plan. Das Blatt schien sich gegen ihn verschworen zu haben – sehr zu seinem Leidwesen und zur Erheiterung der übrigen Mitspieler.

Nach dem Abendbrot wurde mit einer kleinen Urlaubstradition gebrochen. Statt eines Edgar-Wallace-Klassikers lief heute der erste Teil von Fast & Furious – sehr zur Freude von Marlon. Anschließend ging es ungewöhnlich früh ins Bett, denn am nächsten Morgen wollten wir zeitig zur Schneekoppe aufbrechen.

Kilometerstand: 85696 km
Tagesetappe: 194 km

09.07.2026 Schneekoppe, Karpacz

Am Morgen füllte sich unser Parkplatz erstaunlich schnell. Bevor wir am Ende selbst zugeparkt würden, beschlossen wir kurzerhand aufzubrechen. Das Frühstück mit getoastetem Weißbrot gab es deshalb ganz idyllisch auf einem kleinen Parkplatz direkt an einer Friedhofsmauer – nicht unbedingt der klassische Frühstücksplatz, aber dafür angenehm ruhig.

Nach einer kurzen Fahrt erreichten wir den Wohnmobilstellplatz in Karpacz. Von dort machten wir uns zu Fuß auf den Weg. Etwa eine halbe Stunde später standen wir an der Talstation des Lifts. Wie schon vor zehn Jahren wurden wir beim Einstieg fotografiert. Das Erinnerungsfoto konnte man am Ausgang für fünf Euro kaufen. Inzwischen habe ich davon eine ganze Sammlung – sogar eines aus meiner Kindheit.

Oben angekommen begann der eigentliche Aufstieg. Im Vergleich zu unserem letzten Besuch vor zehn Jahren machte uns dieses Mal vor allem der eisige, kräftige Wind zu schaffen. Der Weg zog sich spürbar länger hin als in meiner Erinnerung. Beim späteren Vergleich mit den alten Urlaubsfotos fiel mir etwas Kurioses auf: Vor zehn Jahren hatte ich auf einem markanten Felsen eine Pause eingelegt, um wieder zu Atem zu kommen – und ohne es zu wissen, setzte ich mich heute tatsächlich wieder auf genau denselben Stein.

Nach mehreren Verschnaufpausen war es schließlich geschafft: Wir standen auf der Schneekoppe. Die Aussicht war trotz des Windes wieder beeindruckend. Vor zehn Jahren hatten wir hier oben noch hervorragend zu Mittag gegessen. Diesmal war das Restaurant allerdings verlassen. Zum Glück hatte auf der tschechischen Seite ein kleines Bistro geöffnet, sodass wir uns mit einer heißen Gulaschsuppe und einem Hotdog stärken konnten.

Interessant ist, wie sich meine Höhenangst im Laufe der Jahre verändert hat. Früher war vor allem der Blick in die Tiefe das Problem. Heute macht mir inzwischen sogar die Fahrt mit dem Sessellift bergab ein etwas mulmiges Gefühl.

Zurück an der Talstation war der Tag noch lange nicht zu Ende. Wir beschlossen, noch bis ins Zentrum von Karpacz zu laufen. Zwar ging es fast die gesamte Strecke steil bergab, doch ein großer Eisbecher beziehungsweise ein Stück Kuchen entschädigten für die zusätzliche Anstrengung.

Karpacz selbst hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Der Ort wirkt inzwischen wie ein einziger großer Touristen-Hotspot mit zahlreichen Souvenirgeschäften, Restaurants und Après-Ski-Bars – selbst mitten im Sommer.

Den Rückweg wollten wir uns dann doch etwas erleichtern. Mit dem Linienbus fuhren wir wieder den Berg hinauf und mussten von der Endhaltestelle nur noch etwa einen Kilometer bis zu unserem Wohnmobil laufen.

Am Abend merkte jeder von uns die vielen Höhenmeter in den Beinen. Eine heiße Dusche wirkte allerdings wahre Wunder. Danach durfte die obligatorische Skatrunde natürlich nicht fehlen. Und auf ausdrücklichen Wunsch eines einzelnen jungen Herren gab es heute Pasta zum Abendessen.

Kilometerstand: 85714 km
Tagesetappe: 18 km

10.07.2026 Schloss Fürstenstein

Auch in dieser Nacht haben wir wieder ausgezeichnet geschlafen. Nach dem obligatorischen Frühstück mit frisch aufgebackenen Brötchen begann der Tag allerdings mit einer wenig erfreulichen Überraschung. Beim Abwasch bemerkten wir, dass eine Flasche Thetford-Toilettenreiniger nicht richtig verschlossen gewesen war. Ein Teil des Inhalts hatte sich im Unterschrank unter der Spüle verteilt. Statt gemütlich aufzubrechen, hieß es also erst einmal: ausräumen, wischen, reinigen und lüften. Entsprechend hielt sich die Begeisterung am Morgen zunächst in Grenzen.

Nachdem das Malheur beseitigt sowie Frischwasser gebunkert und Entsorgung erledigt waren, machten wir uns schließlich auf den Weg zum Schloss Fürstenstein.

Vor elf Jahren waren wir zwar schon einmal hier gewesen, erstaunlicherweise konnte sich aber niemand mehr so richtig an den Besuch erinnern. Umso schöner war es, das Schloss noch einmal ganz neu zu entdecken.

Fürstenstein ist das größte Schloss Schlesiens und blickt auf eine bewegte Geschichte von mehr als 700 Jahren zurück. Besonders geprägt wurde es von der Familie Hochberg, einer der bedeutendsten Adelsfamilien der Region, die das Schloss über Jahrhunderte zu einer prachtvollen Residenz ausbauen ließ. Während des Zweiten Weltkriegs änderte sich sein Schicksal jedoch grundlegend. Nach der Beschlagnahmung durch die Nationalsozialisten wurden große Teile der historischen Innenräume zerstört oder umgebaut. Das Schloss sollte Teil des geheimnisvollen Projekts „Riese“ werden – eines gigantischen unterirdischen Bauvorhabens im Eulengebirge, dessen tatsächlicher Zweck bis heute nicht vollständig geklärt ist. Vermutet werden ein Führerhauptquartier oder unterirdische Rüstungsanlagen.

Neben dem Schloss besichtigten wir deshalb auch die erst vor wenigen Jahren für Besucher zugänglich gemachten unterirdischen Bunkeranlagen. Über kilometerlange Gänge, gewaltige Betonräume und unvollendete Tunnel erhielten wir einen eindrucksvollen Einblick in dieses düstere Kapitel der Geschichte. Besonders gelungen waren die deutschsprachigen Audioguides – informativ, spannend erzählt und mit viel Liebe zum Detail gestaltet. Sie machten den Rundgang zu weit mehr als einer gewöhnlichen Besichtigung.

Wie so oft verging die Zeit dabei viel schneller als gedacht. Erst als bereits die letzten Besucher das Gelände verließen, machten auch wir uns langsam auf den Rückweg. Unser Wohnmobil wartete auf dem Parkplatz am Palmenhaus, der für diese Nacht unser Zuhause werden sollte.

Kilometerstand: 85772 km
Tagesetappe: 58 km

11.07.2026 Friedenskirche Schweidnitz, Breslau

Die Nacht war herrlich ruhig und wir haben ausgezeichnet geschlafen. Nach einem gemütlichen Müsli-Frühstück machten wir uns auf den Weg zur nur etwa 17 Kilometer entfernten Friedenskirche in Schweidnitz.

Schon von außen wirkt die Kirche erstaunlich unscheinbar. Wüsste man nicht, was sich hinter den Mauern verbirgt, könnte man sie problemlos für eine überdimensionierte Scheune halten. Genau so war es allerdings beabsichtigt.

Nach dem Westfälischen Frieden von 1648 musste der katholische Kaiser Ferdinand III. auf Drängen der protestantischen Mächte – allen voran Schweden – den evangelischen Christen in Schlesien den Bau von drei sogenannten Friedenskirchen gestatten. Die Genehmigung war jedoch an strenge Auflagen geknüpft: Die Kirchen mussten außerhalb der Stadtmauern errichtet werden, durften weder aus Stein noch mit Nägeln gebaut werden und mussten stattdessen überwiegend aus Holz, Lehm, Sand und Stroh bestehen. Türme und Glocken waren ebenso verboten wie evangelische Schulen oder Pfarrhäuser auf dem Gelände. Außerdem musste der Bau innerhalb eines einzigen Jahres abgeschlossen sein – offenbar in der Hoffnung, dass ein solches Bauwerk ohnehin nicht lange bestehen würde.

Umso erstaunlicher ist das Ergebnis. Hinter der schlichten Fassade verbirgt sich einer der beeindruckendsten Sakralräume, die wir bisher gesehen haben. Prächtige Emporen, aufwendige barocke Malereien und ein überwältigender Altar lassen kaum glauben, dass dieses Bauwerk vollständig aus Holz besteht. Nicht ohne Grund zählt die Friedenskirche heute zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Auch die Familie Hochberg, deren Stammsitz Schloss Fürstenstein war, spielte beim Bau eine bedeutende Rolle. Sie stiftete rund 2.000 Eichenstämme aus ihren Wäldern und unterstützte das Vorhaben finanziell. Als Dank erhielt die Familie eine eigene Loge direkt gegenüber der Kanzel – ein Ehrenplatz, der bis heute erhalten geblieben ist.

Nach diesem beeindruckenden Besuch ging unsere Reise weiter nach Breslau. Nach einer kurzen Ehrenrunde fanden wir schließlich einen 24-Stunden-Parkplatz in unmittelbarer Nähe der Altstadt – ein idealer Ausgangspunkt für die Stadtbesichtigung.

Breslau begeisterte uns vom ersten Moment an. Wir schlenderten durch die liebevoll restaurierte Altstadt, warfen einen Blick in zahlreiche Kirchen und bestaunten die farbenfrohen Bürgerhäuser rund um den Rynek. Besonders beeindruckend ist, wie prachtvoll sich die Stadt nach den gewaltigen Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs wieder präsentiert. Kaum vorstellbar, dass große Teile der historischen Altstadt nach der Belagerung 1945 nahezu vollständig in Trümmern lagen.

Natürlich durfte auch ein Besuch der Universität Breslau nicht fehlen. Die traditionsreiche Hochschule wurde bereits 1702 gegründet und zählt zu den bedeutendsten Universitäten Mitteleuropas. Besonders das prachtvolle Barockgebäude und die berühmte Aula Leopoldina versprühen noch heute den Glanz vergangener Jahrhunderte.

Zwischendurch stöberten wir gemütlich über einen kleinen Trödelmarkt, gönnten uns ein Eis und ließen uns einfach treiben. Auf besonderen Wunsch der Kinder stand das Abendessen heute einmal nicht unter dem Motto „Landesküche“, sondern führte uns zu Burger King.

Als wir am Abend zu unserem Wohnmobil zurückkehrten, wartete noch eine Überraschung auf uns. Im benachbarten Park fand eine große Open-Air-Disco statt. Die Musik war bis zum Stellplatz deutlich zu hören, doch erstaunlicherweise störte sie uns überhaupt nicht – im Gegenteil. Es liefen fast ausschließlich Klassiker und bekannte Hits, sodass wir ungewollt den Soundtrack zu unserem Abend gleich mitgeliefert bekamen.

Den Abschluss bildete – wie inzwischen fast schon Tradition – eine Runde Skat, bevor ein erlebnisreicher Tag in Breslau zu Ende ging.

Kilometerstand: 85845 km
Tagesetappe: 73 km

12.07.2026 Ein entspannter Tag im Aquapark Breslau

Unser Parkplatz lag zwar in perfekter Lage direkt an der Breslauer Innenstadt, hatte allerdings einen entscheidenden Nachteil: Die Großstadt schläft nie. Straßenbahn, Autos und das nächtliche Treiben sorgten dafür, dass ich deutlich früher wach wurde als der Rest der Familie. Wirklich schlimm war das aber nicht. So blieb genügend Zeit, den nächsten Urlaubstag in Ruhe zu planen.

Bei der Suche nach einem passenden Ausflugsziel fiel unsere Wahl schnell auf den Aquapark Breslau, der in den Bewertungen außergewöhnlich gut abschnitt. Noch bevor es Frühstück gab, machten wir uns auf den nur wenige Kilometer langen Weg dorthin. Zu unserer Freude fanden wir sogar eine ausreichend große Parklücke für das Wohnmobil – in einer Großstadt alles andere als selbstverständlich. Erst einmal wurde deshalb in aller Ruhe gefrühstückt.

Anschließend ging es ins Bad. Der Eintritt für uns drei kostete 285 Złoty – umgerechnet rund 67 Euro. Zunächst erschien uns das recht teuer. Da wir den gesamten Tag dort verbrachten, relativierte sich der Preis allerdings schnell. Für knapp 22 Euro pro Person und einen kompletten Urlaubstag bot der Aquapark wirklich einiges.

Interessant fanden wir den Preis auch im Vergleich zu den Einkommen in Polen. Das durchschnittliche Nettogehalt liegt dort – je nach Region und Statistik – bei etwa 1.400 bis 1.700 Euro im Monat, während es in Deutschland im Durchschnitt rund 2.700 bis 3.000 Euro netto sind. Gemessen an der Kaufkraft ist ein Besuch im Aquapark für viele polnische Familien also deutlich kostspieliger, als er auf den ersten Blick für uns als Urlauber wirkt. Umso erfreulicher war es zu sehen, dass das Bad dennoch hervorragend besucht war und Familien aller Altersgruppen den Sommertag dort genossen.

Schon nach kurzer Zeit war klar, warum der Aquapark einen so guten Ruf genießt. Die Anlage zählt zu den modernsten Freizeitbädern Polens und bietet weit mehr als ein klassisches Schwimmbad. Besonders begeistert hat uns der außergewöhnlich lange Strömungskanal, in dem man sich beinahe schwerelos durch die gesamte Badelandschaft treiben lassen kann. Hinzu kommen zahlreiche Rutschen, verschiedene Schwimm- und Erlebnisbecken, Whirlpools sowie ein großzügiger Saunabereich.

Für zusätzliche Unterhaltung sorgte ein DJ, der den ganzen Tag über für gute Stimmung verantwortlich war. Zwei Animateure begeisterten die Besucher mit einer kleinen Wissenschaftsshow. Brennende Seifenblasen, riesige Nebelringe aus einer selbstgebauten Kanone und kunstvolle Ballontiere sorgten immer wieder für staunende Gesichter.

Nach den vielen Stadtbesichtigungen, Kirchen, Museen und Wanderungen der vergangenen Tage tat dieser entspannte Tag richtig gut. Einfach einmal treiben lassen, rutschen, schwimmen und den Tag genießen – ohne festen Zeitplan und ohne das Gefühl, noch unbedingt etwas besichtigen zu müssen.

Erst am späten Abend verließen wir den Aquapark. Für die Nacht suchten wir uns einen kleinen, ruhigen Stellplatz am Stadtrand. Nach dem Trubel der letzten beiden Nächte freuten wir uns wieder auf etwas mehr Ruhe – und auf die nächste Etappe unserer Reise.

Kilometerstand: 85854 km
Tagesetappe: 9 km

13.07.2026 Łódź

Nach dem Aufwachen stand zunächst einmal der Alltag des Wohnmobilreisens auf dem Programm. Wir fuhren zu einem nahegelegenen Aldi, frühstückten dort ganz gemütlich mit frischen Brötchen und erledigten anschließend den Wocheneinkauf. Direkt nebenan befand sich eine Tankstelle – eine gute Gelegenheit, den Tank zu füllen, den Reifendruck zu kontrollieren und einen Blick auf den Ölstand zu werfen.

Danach machten wir uns auf den Weg nach Łódź. Rund 230 Kilometer lagen vor uns – eine längere Fahrstreckep, die wir ganz entspannt angingen. Während die Landschaft an uns vorbeizog, hörten wir zwei Folgen der „Die drei ???“. So verging die Zeit wie im Flug und die Fahrt wurde fast schon zu einem kleinen Familienritual.

In Łódź angekommen, parkten wir direkt an der Manufaktura, einem der bekanntesten Einkaufs- und Freizeitzentren Polens. Das weitläufige Gelände entstand auf dem Areal der ehemaligen Textilfabrik des Industriellen Izrael Poznański. Wo im 19. Jahrhundert Tausende Arbeiter Stoffe produzierten und Łódź zu einem der wichtigsten Zentren der europäischen Textilindustrie machten, laden heute Restaurants, Museen, Geschäfte und Veranstaltungsflächen zum Verweilen ein. Die restaurierten Backsteingebäude gehören zu den beeindruckendsten Beispielen gelungener Umnutzung von Industriearchitektur.

Bevor wir die Stadt erkundeten, stärkten wir uns zunächst im Foodcourt der Manufaktura. Eigentlich hatten wir geplant, einige der spannenden Museen und Ausstellungen der Stadt zu besuchen. Leider mussten wir feststellen, dass die meisten Museen montags geschlossen sind und viele Einrichtungen auch dienstags noch nicht wieder geöffnet haben. Damit fiel unser eigentliches Besichtigungsprogramm leider ins Wasser – und aus dem geplanten Kulturtag wurde kurzerhand ein Shopping- und Erkundungstag.

Anschließend machten wir uns auf den Weg zur berühmten Piotrkowska-Straße. Mit rund 4,2 Kilometern Länge zählt sie zu den längsten Einkaufs- und Flaniermeilen Europas und ist die historische Lebensader der Stadt. Die prächtigen Fassaden erinnern an die große Zeit Łódźs, als die Stadt innerhalb weniger Jahrzehnte von einem kleinen Ort zu einer industriellen Metropole heranwuchs und wegen ihrer Textilproduktion oft als das „polnische Manchester“ bezeichnet wurde.

Trotz der beeindruckenden Architektur wollte der Funke bei uns allerdings nicht ganz überspringen. Die Geschäfte unterschieden sich kaum von denen, die man aus vielen anderen europäischen Innenstädten kennt und etliche waren geschlossen. Nach etwa der Hälfte der Strecke beschlossen wir deshalb, wieder umzudrehen.

Zurück in der Manufaktura schauten wir uns noch einmal in den Geschäften um. Die Auswahl war zwar interessanter und das Ambiente deutlich schöner, aber auch hier fanden wir nichts, was unbedingt mit musste. Offenbar sollte heute einfach kein großer Einkaufstag werden.

Am Abend machten wir uns wieder auf den Weg und suchten uns einen Stellplatz direkt an der Autobahn. Sicher nicht der schönste Übernachtungsplatz unserer Reise, aber nach dem langen Fahrtag und als Zwischenstopp für die nächste Etappe durchaus praktisch.

Den Tag ließen wir – wie inzwischen fast schon Tradition – mit einer Runde Skat ausklingen. Heute gab es dabei allerdings einen besonderen Moment: Marlon spielte zum ersten Mal einen Grand. Mit etwas Unterstützung und ein paar Hinweisen gelang ihm das Kunststück tatsächlich. Am Ende gewann er sein Spiel sogar souverän mit Schneider. Die Freude darüber war natürlich riesig – und wir waren uns einig, dass dieser kleine Erfolg wohl noch länger in Erinnerung bleiben wird.

Kilometerstand: 86106km
Tagesetappe: 252 km

14.07.2026 Warschau

Auch diese Nacht war nicht gerade die ruhigste unserer Reise. Zwar hielt sich der Verkehr in Grenzen, dafür sorgten Menschen und gelegentlich vorbeifahrende Fahrzeuge für eine gewisse Geräuschkulisse. Dennoch waren am Morgen sowohl die menschlichen als auch die fahrbaren Akkus wieder vollständig aufgeladen. Nach dem Frühstück, einer ausgiebigen Dusche sowie dem Ver- und Entsorgen unseres Wohnmobils machten wir uns auf den Weg in Richtung Warschau. Die rund 170 Kilometer vergingen wie gewohnt wie im Flug – nicht zuletzt dank eines weiteren Hörspiels der „Die drei ???“.

Eigentlich hatten wir einen Wohnmobilstellplatz ins Auge gefasst, den wir bereits im Vorfeld ausgesucht hatten. Leider war dieser bei unserer Ankunft bereits komplett belegt. Also blieb uns nur die Alternative am Nationalstadion. Dort standen allerdings schon zwei weitere Wohnmobile. Das beruhigte uns etwas – ganz so schlecht konnte der Platz also nicht sein.

Mit dem Bus wollten wir anschließend ins Zentrum fahren. Doch gleich der erste Bus rauschte einfach an unserer Haltestelle vorbei. Erst da fiel uns auf, dass man in Polen den Bussen an vielen Haltestellen tatsächlich ein deutliches Handzeichen geben muss. Beim nächsten Versuch winkten wir deshalb, als ginge es um unser Leben – und tatsächlich hielt der Bus an. Für gerade einmal 8 Złoty waren wir nach fünf Haltestellen mitten im Herzen der Stadt.

Unser erster Stopp war der Kultur- und Wissenschaftspalast. Das monumentale Gebäude wurde zwischen 1952 und 1955 als „Geschenk“ der Sowjetunion an Polen errichtet und ist bis heute eines der umstrittensten Wahrzeichen Warschaus. Mit seinen 237 Metern Höhe war es jahrzehntelang das höchste Gebäude Polens und erinnert mit seiner Architektur unverkennbar an die stalinistischen Hochhäuser in Moskau. Viele Warschauer sehen in ihm noch immer ein Symbol der sowjetischen Vorherrschaft, andere wiederum schätzen ihn als festen Bestandteil des Stadtbildes.

Eigentlich wollten wir uns auch das Innere anschauen. Da gerade eine Kinovorstellung stattfand, gaben wir uns kurzerhand als Kinobesucher aus und konnten so einen Blick in die beeindruckenden Eingangshallen werfen. Mission geglückt.

Trotz der sommerlichen Hitze machten wir uns anschließend zu Fuß auf den Weg in Richtung Altstadt und Königsschloss. Kaum zu glauben, dass dieses historische Zentrum nach dem Zweiten Weltkrieg nahezu vollständig zerstört worden war. Nach dem Warschauer Aufstand von 1944 ließen die deutschen Besatzer große Teile der Stadt systematisch sprengen. Die heutige Altstadt ist deshalb das Ergebnis einer außergewöhnlich detailgetreuen Rekonstruktion, die anhand alter Gemälde, Fotografien und Baupläne erfolgte. Für diese einzigartige Wiederaufbauleistung wurde die Warschauer Altstadt 1980 in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen.

Am Königsschloss angekommen war es allerdings bereits zu spät für eine Besichtigung. Wir beschlossen deshalb, den Besuch auf den nächsten Tag zu verschieben und stattdessen gemütlich durch die engen Gassen der Altstadt zu schlendern. Dabei wurden wir sogar bei einem Straßenmaler fündig, der genau die passenden Erinnerungssäulen für unsere Sammlung anbot.

Am Abend brachte uns der Bus wieder zurück zum Stadion. Nach einer Runde Duolingo und der obligatorischen Skatrunde füllte sich der Parkplatz plötzlich rasant. Innerhalb kurzer Zeit standen wir komplett zugeparkt. Offenbar fand im Nationalstadion ein großes Konzert statt. Wer auf der Bühne stand, konnten wir allerdings nicht herausfinden. Gestört hat uns das Ganze trotzdem nicht. Gegen 23 Uhr war der Besucheransturm vorbei, der Parkplatz leerte sich wieder und schließlich kehrte auch die ersehnte Ruhe ein.

Kilometerstand: 86279 km
Tagesetappe: 173 km

15.07.2026 – Warschau

Die Nacht am Stadion war alles andere als erholsam. Obwohl das Konzert bereits am Vorabend beendet war, sorgten Verkehr und die Großstadt dafür, dass wir alle drei ausgesprochen schlecht geschlafen hatten. Schnell war klar: Eine zweite Nacht würden wir uns dort nicht antun. Noch vor dem Frühstück packten wir zusammen und fuhren zu dem Wohnmobilstellplatz, den wir eigentlich schon am Vortag ansteuern wollten. Dieses Mal hatten wir Glück – tatsächlich war noch ein Platz frei.

Von dort aus machten wir uns direkt auf den Weg zum Königsschloss. Bereits nach wenigen hundert Metern reihten wir uns in die Warteschlange vor der Kasse ein. Umso größer war die Freude, als wir erfuhren, dass der Eintritt mittwochs kostenlos ist. Lediglich der Audioguide kostete 10 Złoty pro Person – und diese Investition war jeden einzelnen Złoty wert.

Der Audioguide vermittelte mit viel Liebe zum Detail die bewegte Geschichte des Schlosses. Das Königsschloss war über Jahrhunderte Sitz der polnischen Könige und später des Sejm, des polnischen Parlaments. Hier wurden wichtige Entscheidungen für das Königreich Polen und später für die polnisch-litauische Adelsrepublik getroffen. Besonders bemerkenswert ist, dass in diesem Gebäude 1791 die Verfassung vom 3. Mai verabschiedet wurde – die erste moderne Verfassung Europas und nach der amerikanischen Verfassung die zweitälteste der Welt.

Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Schloss von den deutschen Besatzern systematisch gesprengt und vollständig zerstört. Erst zwischen 1971 und 1984 gelang es, das Gebäude mithilfe historischer Pläne, Gemälde und zahlreicher Spenden aus der Bevölkerung originalgetreu wieder aufzubauen. Heute merkt man kaum noch, dass praktisch jedes Zimmer eine Rekonstruktion ist.

Knapp zwei Stunden später hatten wir sämtliche Prunkräume besichtigt und standen wieder auf dem Schlossplatz. Da wir die Altstadt bereits am Vortag ausgiebig erkundet hatten und sie vergleichsweise kompakt ist, beschlossen wir, den Nachmittag im modernen Zentrum Warschaus zu verbringen. Diesmal nutzten wir die hervorragend ausgebaute Kombination aus Straßenbahn und U-Bahn – sauber, pünktlich und ausgesprochen günstig.

Zurück am Kultur- und Wissenschaftspalast besuchten wir das Technikmuseum. Zwar konnte es nicht ganz mit anderen Technikmuseen mithalten, die wir bereits gesehen haben, dennoch gab es einige spannende Bereiche. Besonders gefallen hat uns die Sammlung historischer Computer, die von den Anfängen der Rechentechnik bis zu den ersten Heimcomputern reichte. Ebenso interessant war die Ausstellung über bedeutende polnische Wissenschaftler und Erfinder. Natürlich durfte Marie Skłodowska-Curie, die als einzige Person Nobelpreise in zwei verschiedenen Naturwissenschaften erhielt, ebenso wenig fehlen wie Nikolaus Kopernikus, dessen heliozentrisches Weltbild unser Verständnis des Universums grundlegend veränderte. Auch andere polnische Persönlichkeiten aus Technik und Naturwissenschaft wurden anschaulich vorgestellt und zeigten eindrucksvoll, welchen Beitrag Polen zur europäischen Wissenschaftsgeschichte geleistet hat.

Nach so viel Geschichte und Technik hatten wir uns eine kleine Pause verdient. Bei sommerlichen Temperaturen zog es uns in ein klimatisiertes Einkaufszentrum. Ein großer Eisbecher sorgte nicht nur für Abkühlung, sondern gab auch neue Energie für den weiteren Stadtbummel.

Anschließend schlenderten wir noch einmal durch das moderne Warschau mit seinen breiten Boulevards, Hochhäusern und zahlreichen Grünanlagen, bevor wir den Rückweg zu unserem Wohnmobil antraten. Wieder einmal wurde deutlich, wie stark sich Warschau von einer nahezu vollständig zerstörten Stadt zu einer modernen europäischen Metropole entwickelt hat.

Am Abend durfte natürlich die obligatorische Skatrunde nicht fehlen. Danach richteten wir die Satellitenantenne aus und machten es uns vor dem Fernseher gemütlich. Auf dem Programm stand das Spiel um den Einzug ins Finale der Fußball-Weltmeisterschaft zwischen England und Argentinien.

Lange Zeit sah es so aus, als hätte England die Partie im Griff. Doch Fußball wird bekanntlich bis zur letzten Minute gespielt. In der Schlussphase drehte Argentinien noch einmal richtig auf, erzielte innerhalb weniger Minuten zwei Tore und sicherte sich mit einem 2:1-Sieg doch noch den Einzug ins Finale. Ein spannendes Finale eines ebenso abwechslungsreichen Urlaubstages.

Kilometerstand: 86282 km
Tagesetappe: 3 km

16.07.2026 Pułtusk, Łomża

Die Nacht war leider recht abrupt beendet. Punkt sieben Uhr begann direkt neben unserem Stellplatz ein Landschaftsgärtner mit einem Rasentrimmer seine Arbeit. An Ausschlafen war damit nicht mehr zu denken. Wir drehten uns zwar noch bis kurz nach acht Uhr ein paar Mal um, doch irgendwann mussten wir uns eingestehen: Das wird heute nichts mehr.

Nach dem Frühstück machten wir uns auf den Weg nach Pułtusk, einer der ältesten Städte Masowiens. Das Städtchen ist vor allem für seinen außergewöhnlich langen Marktplatz bekannt. Mit rund 400 Metern Länge zählt er zu den längsten gepflasterten Marktplätzen Europas und war früher das wirtschaftliche Zentrum der Stadt. Heute blieb es dort allerdings ungewohnt ruhig – Markttag war leider nicht.

Wir erklommen den Rathausturm und genossen den Blick über die Dächer der Altstadt und den Fluss Narew. Im kleinen Stadtmuseum, das an diesem Tag erfreulicherweise kostenlos geöffnet war, erfuhren wir einiges über die bewegte Geschichte der Region. Anschließend spazierten wir noch zum ehemaligen Bischofsschloss. Die burgähnliche Anlage stammt ursprünglich aus dem 14. Jahrhundert und beherbergt heute eines der traditionsreichsten Schlosshotels Polens. Zwischen den alten Mauern übernachten heute Gäste dort, wo einst die Bischöfe von Płock residierten.

Danach ging es weiter nach Łomża, einer Stadt am Rande des weitläufigen Narew-Nationalparks. Nach einem kurzen Bummel über den Marktplatz meldete sich bei Marlon der Hunger. Sein Wunsch war denkbar einfach: ein Hotdog von Żabka. Also machten wir Halt an der nächsten Filiale und bestellten gleich für alle einen. Ehrlich gesagt hatten wir keine allzu großen Erwartungen – wurden aber positiv überrascht. Die Hotdogs waren erstaunlich lecker und dazu noch ausgesprochen günstig. Manchmal sind es eben die einfachen Dinge, die unterwegs am besten schmecken.

Zum Nachtisch gönnten wir uns auf dem Marktplatz noch ein Eis und schauten anschließend bei der Touristeninformation vorbei. Dort empfahl man uns eine Kanutour auf der Narew und zeichnete uns sogar den Weg zum kleinen Hafen ein. Die Idee gefiel uns sofort. Vor Ort sprang der Funke allerdings nicht über. Der Hafen wirkte wenig einladend, die Boote machten keinen besonders guten Eindruck und insgesamt entsprach das Angebot nicht ganz unseren Vorstellungen.

Die Idee, am nächsten Tag eine Kanutour zu unternehmen, ließ uns trotzdem nicht mehr los. Also griffen wir kurzerhand zum Handy. Nach einer kurzen Google-Recherche und einem Telefonat hatten wir schnell einen anderen Anbieter gefunden und für den nächsten Morgen um 10 Uhr ein Kanu für drei Personen reserviert.

Da wir ohnehin schon auf dem Weg waren, fuhren wir noch ein Stück weiter. So blieben bis zum Startpunkt der Kanutour am nächsten Morgen nur noch etwa 17 Kilometer. Die Nacht verbrachten wir auf einem großen Parkplatz in einem kleinen Dorf – ruhig gelegen und genau richtig, um ausgeruht in das nächste Abenteuer zu starten.

Kilometerstand: 86480 km
Tagesetappe: 198 km

17.07.2026 Mit dem Kanu durch den Narew-Nationalpark, Augustów

Heute klingelte der Wecker etwas früher als sonst. Auf das Frühstück verzichteten wir zunächst, denn wir wollten pünktlich um 10 Uhr am Treffpunkt unserer Kanutour sein. Gegen 9 Uhr machten wir uns auf den Weg und legten die letzten Kilometer zurück. Unterwegs hielten wir noch kurz an einem Dino-Supermarkt, kauften frische Brötchen und etwas für das Kaffeetrinken am Nachmittag.

Kaum waren wir am vereinbarten Treffpunkt angekommen, wurde es richtig hecktisch. Wir schmierten unsere Brötchen, cremten uns ein und kaum stiegen wir aus, wurden wir zusammen mit einigen anderen Paddlern in einen Volvo verfrachtet und flussaufwärts zum Einstieg gebracht. Dort bezahlten wir 160 Złoty für drei Personen – inklusive Kanu und der Gebühr für den Nationalpark. Nach einer sehr kurzen Einweisung, die im Wesentlichen aus den Worten „immer links halten“ und irgendetwas mit einer Brücke bestand, wurden wir schon ins Kanu gesetzt. Wenige Augenblicke später waren wir auf uns allein gestellt.

Der Narew-Nationalpark zählt zu den außergewöhnlichsten Naturlandschaften Europas. Der Fluss verzweigt sich hier in unzählige Arme und bildet ein weitläufiges Netz aus Wasserwegen, Schilfflächen und Feuchtgebieten. Wegen dieses einzigartigen Flusssystems wird die Narew oft als „polnischer Amazonas“ bezeichnet. Das Gebiet ist Heimat von Hunderten Vogelarten, Bibern, Fischottern und einer beeindruckenden Vielfalt an Pflanzen und Fischen.

Eigentlich waren wir bestens vorbereitet. Die Brötchen waren geschmiert, Sonnencreme war reichlich aufgetragen und an Mückenschutz hatten wir ebenfalls gedacht. Nur eine Kleinigkeit hatten wir komplett vergessen: etwas zu trinken.

Zum Glück tauchte bereits nach wenigen hundert Metern ein kleiner Campingplatz auf. Dort fragten wir zwei Camper, ob sie uns eine Flasche Wasser verkaufen würden. Die beiden schauten sich kurz an, lachten und drückten uns gleich zwei große Flaschen in die Hand. Wir bestanden darauf, ihnen wenigstens zehn Złoty dafür zu geben. Am Ende waren alle zufrieden – wir hatten genug Wasser und die beiden freuten sich über die kleine Aufmerksamkeit.

Nun konnte das eigentliche Abenteuer beginnen. Lautlos glitten wir durch die nahezu unberührte Natur. Links und rechts säumten meterhohe Schilfgürtel den Fluss, dazwischen blühten unzählige Seerosen. Unter dem Boot waren immer wieder Fische zu erkennen, und mehrmals hörten wir größere Tiere mit lautem Platschen ins Wasser springen – vermutlich Biber oder Fischotter. Zu sehen bekamen wir sie allerdings nie.

Nach etwa einer Stunde machte sich die ungewohnte Bewegung langsam bemerkbar. Die Arme wurden schwerer, die Sonne brannte inzwischen erbarmungslos vom Himmel und jeder Paddelschlag kostete etwas mehr Kraft. Neugierig warfen wir einen Blick auf Google Maps, um abzuschätzen, wie weit wir schon gekommen waren. Leider hatten wir uns den Startpunkt nicht gemerkt, sodass wir nur die Entfernung bis zu unserem Wohnmobil sehen konnten – und die war noch erschreckend groß.

Ein zweiter Blick etwa fünfzehn Minuten später brachte ebenfalls keine guten Nachrichten. Bei unserem aktuellen Tempo würden wir wohl noch mindestens zwei Stunden unterwegs sein. Am Ende wurden daraus sogar dreieinhalb Stunden. Als wir schließlich wieder aus dem Kanu stiegen, waren wir völlig erschöpft. Uns taten Arme, Schultern und vor allem die Sitzknochen so weh, dass das Aussteigen fast schwerer fiel als das Paddeln selbst. Trotzdem waren wir uns einig: Die Tour war ein echtes Highlight unserer Reise. Anstrengend – aber wunderschön.

Während auf der Weiterfahrt wieder „Die drei ???“ aus den Lautsprechern erklangen, steuerten wir Augustów an. Eigentlich hatten wir für diesen Tag keine großen Pläne mehr. Nach der Kanutour wollten wir nur noch duschen, etwas essen und die Beine hochlegen.

Ganz so einfach sollte das allerdings nicht werden. Der erste angepeilte Stellplatz war praktisch nicht mehr erreichbar und schien Wohnmobile inzwischen eher zu ignorieren als willkommen zu heißen. Also fuhren wir wieder zurück durch die Stadt und nahmen den nächsten Platz ins Visier. Doch auch das Navi spielte heute nicht mit und wollte uns hartnäckig über eine Brücke schicken, die längst nicht mehr existierte. Also ging es erneut quer durch Augustów, bevor wir schließlich nach einer gefühlt endlosen Autoschlange den Campingplatz über eine 2 Kilometer lange Schotterpiste von der anderen Seite erreichten.

Zum Glück hatte der Platzwart noch einen Stellplatz für uns frei. Besonders Marlon freute sich über die Lage direkt am See, denn endlich sollte sein ferngesteuertes Boot zum Einsatz kommen. Leider machte die Technik einen Strich durch die Rechnung. Trotz intensiver Fehlersuche ließ sich das Boot nicht mehr zum Leben erwecken.

So blieb es bei unserer inzwischen lieb gewonnenen Abendroutine: eine Runde Skat, anschließend Pasta zum Abendessen und zum Abschluss ein gemütlicher Fernsehabend. Nach diesem anstrengenden Tag fiel uns das Einschlafen ausnahmsweise überhaupt nicht schwer.

Kilometerstand: 86600 km
Tagesetappe: 120 km

18.07.2026 Wigry, Sejny

Nach den Anstrengungen der vergangenen Tage gönnten wir uns heute erst einmal etwas, das im Urlaub oft viel zu kurz kommt: ausschlafen. Zum ersten Mal seit Langem wurden wir weder von Verkehr noch von Rasentrimmern geweckt. Als wir schließlich aufstanden, hatte der Wetterbericht tatsächlich einmal recht behalten – es regnete. Nach den vielen heißen Sommertagen kam die Abkühlung gerade recht.

Bevor wir weiterfuhren, mussten noch Frischwasser aufgefüllt und das Grauwasser entsorgt werden. Die dafür vorgesehene Station war allerdings eher improvisiert als komfortabel. Kaum hatten wir mit dem Entsorgen begonnen, wurden wir von einer ganzen Armada Mücken begrüßt. Innerhalb weniger Minuten waren wir regelrecht zerstochen und versuchten gleichzeitig, die Schläuche anzuschließen und die Insekten zu verscheuchen – ein aussichtsloses Unterfangen. Mit etwas Geduld und viel Gefuchtel funktionierte am Ende trotzdem alles. Eine Erfahrung, auf die wir beim nächsten Mal allerdings gerne verzichten würden.

Auf dem Weg zur Halbinsel Wigry erledigten wir noch schnell einen Einkauf, bevor wir eines der bedeutendsten Kulturdenkmäler Nordostpolens besuchten: das ehemalige Kamaldulenserkloster in Wigry.

Das eindrucksvoll auf einer Halbinsel im Wigry-Nationalpark gelegene Kloster wurde Ende des 17. Jahrhunderts gegründet und war viele Jahrzehnte Heimat der Kamaldulenser, eines besonders streng lebenden Ordens, der Einsamkeit, Gebet und Einfachheit in den Mittelpunkt stellte. Die außergewöhnliche Lage zwischen den Seen macht den Ort bis heute zu einem Platz der Ruhe und Besinnung.

Internationale Bekanntheit erlangte das Kloster im Jahr 1999, als Papst Johannes Paul II. während seiner Polenreise mehrere Tage hier verbrachte. Statt in einem Hotel übernachtete er bewusst in den schlichten Klostergebäuden und nutzte die Abgeschiedenheit für Erholung und Gebet. Die damaligen Gemächer können heute noch besichtigt werden.

Vor dem Kloster entdeckten wir einen Einheimischen, der regionale Spezialitäten anbot. Natürlich konnten wir nicht widerstehen und kauften frische Wurst sowie traditionell hergestelltes Schmalz – schließlich gehört das Probieren regionaler Produkte für uns genauso zum Reisen wie das Besichtigen von Sehenswürdigkeiten.

Anschließend führte uns unsere Route weiter nach Sejny, einer kleinen Grenzstadt unweit von Litauen. Sejny blickt auf eine bewegte Geschichte zurück und war über Jahrhunderte ein Schmelztiegel verschiedener Kulturen. Polen, Litauer, Juden und Weißrussen lebten hier lange Zeit Tür an Tür und prägten das Stadtbild ebenso wie die Geschichte der Region.

Direkt am ehemaligen Dominikanerkloster fanden wir einen ruhigen Platz für die Nacht. Nach dem Einparken durfte natürlich unsere tägliche Skatrunde nicht fehlen. Anschließend verkosteten wir zum Abendbrot die in Wigry gekauften Spezialitäten. Sowohl die Wurst als auch das Schmalz waren hervorragend und schmeckten genau so herzhaft, wie man es sich von hausgemachten Produkten erhofft.

Ein ruhiger, entschleunigter Tag, der zeigte, dass ein gelungener Urlaub nicht immer aus großen Sehenswürdigkeiten bestehen muss. Manchmal reichen ein beeindruckendes Kloster, regionale Köstlichkeiten und ein gemütlicher Abend im Wohnmobil vollkommen aus.

Kilometerstand: 86675 km
Tagesetappe:  75 km

19.07.2026 Druskininkai

Der Tag begann ungewöhnlich früh. Pünktlich zum ersten Kirchengeläut wurden wir geweckt. Für einen kurzen Moment überlegten wir tatsächlich, ob wir dem Ruf zur Frühmesse folgen sollten. Die Versuchung war allerdings schnell überwunden – Urlaub ist schließlich auch zum Ausschlafen da.

Stattdessen nutzten wir die frühe Stunde und waren die ersten Besucher im Klostermuseum. Die Mitarbeiter schalteten nach und nach die Beleuchtung und die Ausstellungen ein, sodass wir das Gefühl hatten, das Museum würde eigens für uns geöffnet werden. Ein schöner Nebeneffekt des frühen Starts.

Anschließend überquerten wir die Grenze nach Litauen und erreichten auf schlechten Straßen wenig später Druskininkai. Der traditionsreiche Kurort gehört zu den bekanntesten Heilbädern des Baltikums. Bereits im 18. Jahrhundert wurden die mineralhaltigen Quellen wegen ihrer heilenden Wirkung geschätzt, und im 19. Jahrhundert entwickelte sich der Ort zu einem beliebten Kurziel des russischen Adels. Heute verbinden sich historische Villen, moderne Wellnessanlagen und weitläufige Parkanlagen zu einer angenehm entspannten Atmosphäre.

Bei unserem Stadtbummel zog uns besonders der Musikbrunnen an. Dort kann jeder Besucher gegen eine kleine Gebühr – in unserem Fall drei Euro – seinen Musikwunsch auswählen. Kurz darauf beginnt der Brunnen, Wasserfontänen und Lichteffekte passend zur Musik zu choreografieren. Unsere Wahl fiel auf „Beat It“ von Michael Jackson. Offenbar trafen wir damit auch den Geschmack der übrigen Besucher, denn viele blieben stehen, schauten zu und wippten im Takt mit.

Nicht ganz so glücklich verlief dagegen Marlons Eiswahl. Während wir mit unseren Sorten zufrieden waren, entpuppte sich seine Auswahl als völliger Fehlgriff. Entsprechend hielt sich seine Begeisterung in Grenzen – ein kleines Urlaubsdrama, das zum Glück nur bis zum letzten Bissen anhielt.

Weniger erfreulich war die Situation für Wohnmobilfahrer. Druskininkai scheint außerhalb seines in die Jahre gekommenen und vergleichsweise teuren Campingplatzes keine Stellmöglichkeiten zu bieten. Freies Übernachten ist in Litauen vielerorts ohnehin deutlich restriktiver geregelt als beispielsweise in Polen. Also fuhren wir etwa zehn Kilometer weiter nach Norden und fanden schließlich einen ruhigen Wanderparkplatz mitten in der Natur.

Von dort unternahmen wir noch einen kleinen Spaziergang zu den Überresten einer alten Turmruine. Viel ist von der einstigen Befestigung zwar nicht mehr erhalten, doch der Weg durch den Wald und die ruhige Umgebung waren genau das Richtige nach dem Trubel des Kurortes.

Am Abend stand dann ein ganz anderes Highlight auf dem Programm: das Finale der Fußball-Weltmeisterschaft. Bevor es allerdings losgehen konnte, wartete noch eine technische Herausforderung auf mich. Ausgerechnet die Sender ARD und ZDF waren auf unserem Fernseher verschwunden. Also blieb nichts anderes übrig, als einen kompletten Sendersuchlauf durchzuführen. Wer das schon einmal mit einer Satellitenanlage im Wohnmobil gemacht hat, weiß, dass dabei meist sämtliche Sender neu sortiert werden müssen. Entsprechend schweißtreibend war die Aktion – am Ende funktionierte aber wieder alles rechtzeitig zum Anpfiff.

Das Finale entwickelte sich zu einem echten Geduldsspiel. Nach 90 Minuten und auch nach der ersten Halbzeit der Verlängerung stand es weiterhin torlos. Erst in der zweiten Hälfte der Verlängerung fiel endlich das entscheidende Tor für Spanien. Ausgerechnet diesen Moment verpasste Marlon allerdings, denn er war kurz zuvor eingeschlafen. Am nächsten Morgen mussten wir ihm den Höhepunkt des Spiels erst einmal ausführlich nacherzählen.

Kilometerstand: 86755 km
Tagesetappe: 80 km

20.07.2026 Ein Tag im Aquapark Druskininkai

Nach den vielen Kilometern der vergangenen Tage war heute wieder Entspannung angesagt. Unser Ziel war der AQUA Park Druskininkai, der zu den größten und modernsten Wasserparks im Baltikum zählt. Das Bad ist Teil des traditionsreichen Kurortes und lockt seit vielen Jahren Besucher aus Litauen, Polen und den Nachbarländern an.

Für uns drei kostete der Tageseintritt 74 Euro. Verglichen mit dem Aquapark in Breslau war das sogar etwas günstiger und bot ebenfalls einen ganzen Tag voller Abwechslung.

Der Wasserpark ließ kaum Wünsche offen. Mehrere Erlebnisbecken, ein langer Strömungskanal und insgesamt sieben Wasserrutschen sorgten für jede Menge Spaß – auch wenn zwei davon wegen Wartungsarbeiten leider gesperrt waren.

Besonders Marlon hatte seinen Spaß an den ungewöhnlichen Attraktionen. Im Wasser konnte man auf einen Basketballkorb werfen, außerdem gab es eine Kletterwand direkt am Beckenrand sowie Hangelstrecken mit Sprossen und Ringen, bei denen man versuchte, möglichst trocken von einer Seite zur anderen zu gelangen. Natürlich endeten die meisten Versuche mit einem lauten Platscher im Wasser.

Mein persönliches Highlight war allerdings das Wellenbecken. Anders als in vielen anderen Freizeitbädern wurden die Wellen nicht durch Pumpen erzeugt, sondern durch eine riesige Stahlkugel, die sich kontinuierlich auf und ab bewegte. Mit jeder Bewegung entstand ein kräftiger Seegang, der uns in unseren Schwimmreifen ordentlich durchschaukelte. Für einen kurzen Moment fühlte es sich tatsächlich an, als wären wir auf einem kleinen Boot unterwegs.

Zur Mittagszeit stärkten wir uns mit Pizza. Mit neun beziehungsweise zehn Euro pro Pizza lagen die Preise zwar etwas über dem litauischen Durchschnitt, für einen Freizeitpark waren sie aber durchaus fair.

Wie schon in Breslau verging die Zeit viel schneller als gedacht. Ehe wir uns versahen, war der Tag vorbei und wir machten uns wieder auf den Rückweg zu unserem ruhigen Wanderparkplatz außerhalb von Druskininkai.

Dort ließen wir den Abend ganz entspannt ausklingen. Nach einem Tag voller Wasser, Rutschen und Wellen brauchte es nicht mehr viel, um zufrieden zu sein. Ein ruhiger Stellplatz mitten in der Natur, das vertraute Wohnmobil und die Vorfreude auf die nächsten Etappen unserer Reise waren der perfekte Abschluss eines rundum gelungenen Urlaubstages.

Kilometerstand: 86772 km
Tagesetappe: 17 km

21.07.2026 Mitten im Sommer auf der Skipiste

Wer hätte gedacht, dass wir mitten im Juli noch einmal Ski fahren würden? Genau das stand heute auf dem Programm. Unser Ziel war die Snow Arena Druskininkai, die einzige ganzjährig geöffnete Skihalle im Baltikum und eine der größten Indoor-Skihallen Europas. Die Halle wurde 2011 eröffnet, hält das ganze Jahr über eine Temperatur von etwa −2 °C und bietet mehrere Pisten mit einer Gesamtlänge von über einem Kilometer. Die Hauptabfahrt ist rund 460 Meter lang und verfügt sogar über einen Sessellift – fast wie in einem richtigen Skigebiet.

Wir hatten für 122€ das Premium-Paket für uns drei gebucht. Dadurch mussten wir weder Skiausrüstung noch warme Kleidung mitbringen. Skier, Skischuhe, Helm sowie Jacke und Hose wurden gestellt – äußerst praktisch, wenn draußen sommerliche 25 Grad herrschen und man wenige Minuten später im Schnee steht.

Knapp vier Stunden verbrachten wir auf den Skiern – und keine Minute davon wurde langweilig. Mit jeder Abfahrt wuchs das Selbstvertrauen. Anfangs tasteten wir uns noch vorsichtig an die verschiedenen Hindernisse heran, doch schon bald nahmen wir die kleinen Schanzen, Rails und weiteren Elemente des Funparks immer mutiger in Angriff.

Eine der Pisten war an diesem Tag allerdings für den öffentlichen Betrieb gesperrt. Der Grund war schnell erkennbar: Dort trainierten aktive Rennläufer und hoffnungsvolle Nachwuchstalente unter professioneller Anleitung. Die Trainer steckten immer wieder neue Slalomkurse aus, sodass die Strecke ständig verändert wurde. Besonders beeindruckend war, mit welcher Präzision und Geschwindigkeit die Sportler die nahezu spiegelglatte, vereiste Piste hinunterfuhren. Während wir schon froh waren, die bestens präparierte Piste sicher zu meistern, wechselten sie scheinbar mühelos von Tor zu Tor. Ihnen zuzusehen war fast genauso spannend wie selbst Ski zu fahren.

Ganz ohne Bodenkontakt blieb der Tag allerdings nicht. Zweimal überschätzte ich meine Fähigkeiten ein wenig. Beide Male nahm ich eine Schanze mit etwas zu viel Geschwindigkeit, hatte dadurch deutlich mehr Flugzeit als geplant und vermasselte die Landung. Zum Glück blieb es bei harmlosen Stürzen und einigen Lachern.

Besonders stolz waren wir darauf, wie sehr wir uns im Vergleich zu früher verbessert haben. Inzwischen gelingen uns sogar flüssige 360-Grad-Drehungen auf Skiern. Sicherlich noch nicht auf Profi-Niveau, aber sauber genug, dass wir selbst überrascht waren. Vor einigen Jahren hätten wir uns das kaum zugetraut.

Nach fast vier Stunden auf der Piste machten sich die Beine dann doch bemerkbar. Erstaunlich, wie anstrengend Skifahren sein kann – selbst wenn draußen Hochsommer herrscht.

Am Abend verabschiedeten wir uns von Druskininkai und fuhren bereits ein gutes Stück in Richtung Vilnius. Auf einem kleinen Wanderparkplatz mitten in der Natur fanden wir einen wunderbar ruhigen Übernachtungsplatz. Nach einem Tag voller Schnee, obwohl draußen Hochsommer war, schliefen wir besonders zufrieden ein. Der Kontrast zwischen sommerlicher Hitze und winterlichem Pistenspaß gehört sicherlich zu den außergewöhnlichsten Erlebnissen unserer gesamten Reise.

Kilometerstand: 86817 km
Tagesetappe: 45 km

22.07.2026 Wasserburg Trakai

Nach den vielen Eindrücken der vergangenen Tage tat uns die Ruhe sichtlich gut. Wir schliefen vollkommen ungestört und erstaunlich lange. Offenbar hatte uns die Kombination aus Kanutour, Aquapark und Skifahren doch mehr Kraft gekostet, als wir zunächst vermutet hatten. Erst nach einem gemütlichen Frühstück machten wir uns auf den Weg nach Trakai.

Nur wenige Kilometer von Vilnius entfernt liegt die ehemalige Hauptstadt des Großfürstentums Litauen. Unser Wohnmobil stellten wir auf einem Stellplatz ab, der nur rund 400 Meter von der berühmten Wasserburg Trakai entfernt lag – eine perfekte Ausgangslage.

Gemütlich liefen wir am Ufer des Galvė-Sees entlang zur Burg. Das eindrucksvolle Backsteinschloss wurde im 14. Jahrhundert von Großfürst Vytautas dem Großen ausgebaut und diente zeitweise als Residenz der litauischen Herrscher. Die vollständig von Wasser umgebene Inselburg gilt heute als eines der bekanntesten Wahrzeichen Litauens. Nach wechselvoller Geschichte verfiel sie über Jahrhunderte, bevor sie im 20. Jahrhundert aufwendig rekonstruiert wurde. Heute zählt sie zu den meistbesuchten Sehenswürdigkeiten des Landes.

Wir nahmen uns Zeit, die Burg und ihre Ausstellungen in aller Ruhe zu erkunden. Zwischendurch zogen immer wieder kurze Regenschauer über den See. Sie waren jedoch schnell vorüber und konnten unserer guten Laune nichts anhaben. Im Gegenteil – die dunklen Wolken verliehen der mittelalterlichen Burg sogar eine ganz besondere Atmosphäre.

Nach der Besichtigung gönnten wir uns direkt vor der Burg eine kleine Pause. Für die Kinder gab es natürlich ein Eis, während ich mir eine mit Hühnerfleisch gefüllte Kibinai schmecken ließ. Diese halbmondförmige Teigtasche ist die bekannteste Spezialität Trakais und stammt ursprünglich von den Karäern, einer kleinen turksprachigen Volksgruppe, die Großfürst Vytautas im 14. Jahrhundert von der Krim nach Litauen holte. Bis heute lebt in Trakai eine kleine karäische Gemeinde, deren Kultur und Küche das Stadtbild noch immer prägen.

Zurück am Wohnmobil erwartete mich eine schöne Überraschung: Die Kinder hatten bereits einen heißen Tee für mich vorbereitet. Offenbar machte sich langsam eine Erkältung bemerkbar, und die Wärme tat richtig gut.

Den Abend ließen wir ganz traditionell ausklingen – mit einer Runde Skat und anschließend einem gemütlichen Kinoabend im Wohnmobil. Ein ruhiger Tag, der nach den vielen sportlichen Aktivitäten der letzten Tage genau zur richtigen Zeit kam.

Kilometerstand: 86910 km
Tagesetappe: 93 km

23.07.2026 Wiedersehen in Vilnius

Der Tag begann leider alles andere als gut. Die Erkältung, die sich gestern bereits angekündigt hatte, war über Nacht deutlich schlimmer geworden. Der Kopf fühlte sich an wie in Watte gepackt und selbst einfaches Nachdenken oder körperliche Anstrengung kosteten ungewohnt viel Kraft. An große Unternehmungen war heute nicht zu denken.

Zum Glück konnte ich mich auf meine beiden Mitreisenden verlassen. Marlon kochte mir erst einmal einen heißen Tee, während die Kinder gemeinsam das Wohnmobil für die Weiterfahrt vorbereiteten. Es wurde aufgeräumt, abgewaschen sowie Frischwasser aufgefüllt und Grauwasser entsorgt. Es sind genau solche Momente, in denen man merkt, wie selbstverständlich auf einer längeren Reise jeder Verantwortung übernimmt.

Trotz meiner Erkältung war die Vorfreude riesig, denn heute sollte Ulli zu uns stoßen. Seit Beginn unserer Reise hatten wir diesem Tag entgegengefiebert. Endlich würden wir unsere Baltikumtour nicht mehr zu dritt, sondern wieder gemeinsam fortsetzen.

Gegen Mittag machten wir uns auf den kurzen Weg nach Vilnius, der Hauptstadt Litauens. Mit rund 600.000 Einwohnern ist sie die größte Stadt des Landes und gehört mit ihrer hervorragend erhaltenen Altstadt zum UNESCO-Weltkulturerbe. Unterwegs erledigten wir zunächst noch einen größeren Einkauf für die kommenden Tage.

Anschließend fuhren wir zu einem großen Einkaufszentrum und schlenderten gemütlich durch die Geschäfte. Für mich war das heute eher ein ruhiger Begleitspaziergang, während die anderen deutlich mehr Energie hatten. Trotzdem tat es gut, einfach ein wenig unter Menschen zu sein und die Zeit bis zur Landung zu überbrücken. 
Zur Mittagszeit kehrten wir auf ausdrücklichen Wunsch von Marlon bei KFC ein. Er wollte unbedingt den aktuellen Minions-Burger probieren. Unsere Erwartungen waren entsprechend hoch – leider wurden sie eher enttäuscht. Der Burger selbst war durchaus in Ordnung, allerdings schmeckte die spezielle Minions-Soße überraschend stark nach Banane. Für mich als erklärten Bananengegner war das alles andere als ein kulinarisches Highlight. Auch die Beilagen sorgten für Stirnrunzeln: Zu den Pommes gab es standardmäßig nicht einmal Ketchup. Für ein kleines Tütchen wurden tatsächlich noch einmal 90 Cent extra verlangt. Der größte Reinfall war jedoch die Juniortüte. Sie fiel erstaunlich klein aus und ausgerechnet das angekündigte Spielzeug fehlte ebenfalls. Insgesamt blieb daher der Eindruck, dass Preis und Leistung hier nicht wirklich zusammenpassten. Natürlich ist das nur unsere persönliche Erfahrung, doch nach diesem Besuch waren wir uns einig: Es gibt deutlich bessere Möglichkeiten, sein Geld auszugeben. KFC wird uns auf zukünftigen Reisen vermutlich nicht so schnell wiedersehen.

Am späten Nachmittag ging es schließlich zum Flughafen Vilnius. Die letzte Stunde bis zur Landung wollten wir nicht im Terminal absitzen und entdeckten stattdessen einen Decathlon ganz in der Nähe. Dort stand tatsächlich eine Tischtennisplatte, sodass sich die Wartezeit wie von selbst verkürzte.

Dann endlich erschien die ersehnte Meldung: Das Flugzeug war gelandet. Wenig später kam Ulli durch die Ankunftstür – und die Freude über das Wiedersehen war riesig. Nach mehr als drei Wochen unterwegs fühlte sich unsere kleine Reisegruppe endlich wieder komplett an.

Gemeinsam fuhren wir am Abend zu einem ruhigen Wanderparkplatz außerhalb der Stadt. Viel unternommen hatten wir zwar nicht, doch das spielte heute keine Rolle mehr. Das Wiedersehen mit Ulli war das eigentliche Highlight des Tages und machte meine Erkältung zumindest für einen Moment fast vergessen.

Kilometerstand: 86968 km
Tagesetappe: 58 km

24.07.2026 Vilnius

Nach einer wunderbar ruhigen Nacht wachten wir bestens erholt auf. Nur wenige hundert Meter von unserem Übernachtungsplatz entfernt fanden wir einen Supermarkt, an dem wir uns mit frischen Brötchen versorgten und in aller Ruhe frühstückten. Anschließend waren es nur noch wenige Minuten bis zu einem Parkplatz direkt am Rand der Vilniuser Altstadt. Kaum ausgestiegen, musste Ulli schmunzeln: Genau hier hatten wir bereits vor elf Jahren mit unserem Wohnmobil gestanden. Manche Orte erkennt man eben sofort wieder.

Für die Erkundung der Stadt folgten wir der empfohlenen Route unseres Reiseführers. Los ging es auf dem Domplatz, dem historischen und religiösen Zentrum Litauens. Die klassizistische Kathedrale St. Stanislaus und St. Ladislaus mit ihrem freistehenden Glockenturm prägt bis heute das Stadtbild. Unter der Kathedrale befinden sich die Grablegen zahlreicher litauischer Großfürsten und Bischöfe.

Direkt daneben besuchten wir den Palast der Großfürsten von Litauen. Hier befand sich über Jahrhunderte die Residenz der Herrscher des Großfürstentums Litauen, das im 15. Jahrhundert der flächenmäßig größte Staat Europas war und sich von der Ostsee bis fast an das Schwarze Meer erstreckte. Der ursprüngliche Palast wurde Anfang des 19. Jahrhunderts nach der Eingliederung Litauens in das Russische Reich abgerissen. Erst zwischen 2002 und 2018 entstand auf den historischen Fundamenten der heutige Wiederaufbau, der eindrucksvoll die Geschichte des Landes erzählt.

Anschließend schlenderten wir die lebendige Pilies-Straße entlang bis zum Rathausplatz. Die vielen Cafés, Straßenmusiker und historischen Fassaden sorgten für eine entspannte Atmosphäre. Zwischendurch legten wir eine kleine Pause ein und stärkten uns für den weiteren Stadtbummel.

Ein besonderes Highlight war das internationale Kunstprojekt „The Portal“. Die riesige kreisförmige Installation verbindet Vilnius per Livestream mit einer zweiten Stadt und ermöglicht es den Menschen auf beiden Seiten, sich in Echtzeit zu sehen und miteinander zu interagieren. Eine faszinierende Idee, die zeigt, wie Kunst Menschen über Ländergrenzen hinweg miteinander verbinden kann.

Schließlich erreichten wir das berühmte Tor der Morgenröte (Aušros Vartai), das letzte erhaltene Stadttor der mittelalterlichen Stadtbefestigung. In der darüberliegenden Kapelle befindet sich die Schwarze Madonna von Vilnius, eines der bedeutendsten Marienheiligtümer Osteuropas. Das Gnadenbild wird sowohl von katholischen als auch von orthodoxen Gläubigen verehrt und zieht jedes Jahr Tausende Pilger an.

Als wir die Kapelle betraten, war gerade eine polnische Pilgergruppe in ein gemeinsames Gebet vertieft. Entsprechend voll war es, und zeitweise schien kaum ein Durchkommen möglich. Trotzdem gelang es uns schließlich, einen Blick auf das berühmte Marienbild zu werfen. Gerade die intensive Atmosphäre machte diesen Ort besonders eindrucksvoll.

Auf dem Rückweg ließen wir uns Zeit und bummelten ohne festes Ziel durch die Gassen der Altstadt, bis wir das Künstlerviertel Užupis erreichten. Der Stadtteil erklärte sich 1997 augenzwinkernd zur „Republik Užupis“ und besitzt bis heute eine eigene Verfassung, einen Präsidenten, eine Flagge und sogar einen symbolischen Grenzübergang. Auf den Verfassungstafeln, die in zahlreichen Sprachen ausgestellt sind, finden sich ebenso poetische wie humorvolle Grundrechte – etwa: „Jeder hat das Recht, glücklich zu sein.“ oder „Jeder hat das Recht, eine Katze zu lieben und für sie zu sorgen.“Zwischen Ateliers, kleinen Galerien und Skulpturen spürt man überall den kreativen Geist dieses außergewöhnlichen Viertels.

Zum Abschluss unseres Stadtbesuchs kehrten wir im Café „Strange Love“ ein. Bei ausgezeichnetem Käsekuchen und einem herrlich erfrischenden Espresso Tonic ließen wir die vielen Eindrücke des Tages noch einmal Revue passieren.

Am Abend verließen wir Vilnius und fuhren nur wenige Kilometer weiter zum Europos Parkas. Der weitläufige Skulpturenpark liegt unweit des geografischen Mittelpunktes Europas und verbindet auf einzigartige Weise Natur und moderne Kunst. Direkt im Park fanden wir einen ruhigen Platz für die Nacht und Morgen wollten wir uns die zahlreichen Skulpturen und Kunstinstallationen in aller Ruhe ansehen.

Kilometerstand: 87008 km
Tagesetappe: 40 km

25.07.2026 Europos Parkas und weiter nach Riga

Nach der ruhigen Nacht am Europos Parkas schliefen wir so lange wie schon seit Tagen nicht mehr. Irgendwann siegte dann doch der Hunger über die Gemütlichkeit, und nach einem entspannten Frühstück machten wir uns auf den Weg in den Skulpturenpark.

Der Europos Parkas wurde 1991 vom litauischen Bildhauer Gintaras Karosas gegründet und liegt unweit des geografischen Mittelpunktes Europas, der nach Berechnungen des französischen Geographischen Instituts Ende der 1980er-Jahre wenige Kilometer nördlich von Vilnius bestimmt wurde. Auf einer Fläche von rund 55 Hektar präsentieren Künstler aus aller Welt ihre Werke – allerdings nicht in einem klassischen Skulpturenpark mit gepflegten Wegen und akkurat angeordneten Exponaten.

Gerade das macht den besonderen Reiz dieses Ortes aus. Immer wieder führen schmale Waldpfade zu versteckten Lichtungen, auf denen plötzlich riesige Skulpturen zwischen Bäumen auftauchen. Manche Kunstwerke entdeckt man erst auf den zweiten Blick, andere wirken, als seien sie schon immer Teil der Landschaft gewesen. Dieses Zusammenspiel aus Natur und Kunst hat uns ausgesprochen gut gefallen. Der Park lädt weniger zum schnellen Besichtigen als vielmehr zum Entdecken ein.

Leider zeigte sich an einigen Stellen auch, dass ein Gelände dieser Größe viel Pflege benötigt. Einige Installationen wirkten reparaturbedürftig, an anderen waren deutliche Spuren von Vandalismus zu erkennen. Das trübte den Gesamteindruck zwar etwas, änderte aber nichts daran, dass der Europos Parkas zu den außergewöhnlichsten Kunstparks gehört, die wir bisher besucht haben.

Weniger begeistert waren wir von den unzähligen Mücken. Kaum blieben wir einen Moment stehen, wurden wir regelrecht überfallen. Trotz Mückenspray hatten die kleinen Plagegeister leichtes Spiel und hinterließen ihre Spuren an Armen und Beinen.

Anschließend stellte sich die Frage, wie unsere Reise weitergehen sollte. Inzwischen hatte sich ein ganz praktisches Problem in den Vordergrund geschoben: Unsere Wäschevorräte waren nahezu aufgebraucht. Also beschlossen wir spontan, heute noch bis Riga weiterzufahren und dort einen Campingplatz mit Waschmöglichkeiten anzusteuern.

Nach der rund 300 Kilometer langen Fahrt erreichten wir den Stellplatz gerade noch rechtzeitig. Die Waschmaschinen wurden um 20 Uhr außer Betrieb genommen, sodass wir es mit einem Schnellprogramm buchstäblich in letzter Minute schafften. Kurz darauf war zwischen den Bäumen bereits die Wäscheleine gespannt und unsere frisch gewaschene Kleidung hing zum Trocknen in der Abendsonne.

Den Tag ließen wir wie so oft gemütlich ausklingen. Eine Runde Skat durfte natürlich nicht fehlen, bevor wir den Abend mit einem Film im Wohnmobil beendeten. Manchmal sind es gerade diese unspektakulären Tage mit ihren ganz alltäglichen Aufgaben, die eine lange Reise erst komplett machen.

Kilometerstand: 87307 km
Tagesetappe: 299 km

26.07.2026 Riga

Heute Morgen gab es erst einmal ein gemütliches Frühstück mit frischen Aufbackbrötchen. Spätestens an solchen Tagen wissen wir den Backofen in unserem Wohnmobil besonders zu schätzen. Frische Brötchen, ganz ohne Bäckerei suchen zu müssen – ein echter Luxus auf Reisen.

Anschließend ließen wir das Wohnmobil stehen und bestellten über die Bolt-App ein Taxi ins Stadtzentrum. Das funktionierte erstaunlich komfortabel. Der Fahrpreis wurde bereits vor der Fahrt exakt angezeigt, die Bezahlung erfolgte automatisch über die App und die Kosten waren deutlich günstiger als wir es aus Deutschland gewohnt sind. Gerade im Baltikum ist Bolt das mit Abstand beliebteste Fahrdienst-Angebot und für Touristen eine echte Empfehlung.

Unser erster Weg führte uns zu den Rigaer Markthallen. Die fünf riesigen Hallen gehören zu den größten und beeindruckendsten Markthallen Europas. Besonders spannend ist ihre Geschichte: Sie entstanden in den 1920er-Jahren aus umgebauten Luftschiffhangars des deutschen Militärs aus dem Ersten Weltkrieg. Heute werden hier täglich frisches Obst, Gemüse, Fisch, Fleisch, Käse und unzählige lettische Spezialitäten angeboten.

Wir schlenderten gemütlich über den Markt und durch die Hallen. Überall duftete es nach frisch zubereiteten Speisen, geräuchertem Fisch und regionalen Spezialitäten. Leider waren wir noch deutlich zu früh für das Mittagessen – dabei hätte es hier unzählige verlockende Möglichkeiten gegeben.

Als Nächstes machten wir uns auf die Suche nach einer Post. Schließlich wollten die längst geschriebenen Postkarten noch den Weg nach Hause antreten. Nachdem sie endlich eingeworfen waren, konnten wir unseren Stadtbummel entspannt fortsetzen.

In der Altstadt entdeckten wir schließlich die bekannte Statue der Bremer Stadtmusikanten, ein Geschenk der Partnerstadt Bremen aus dem Jahr 1990. Der Volksmund sagt, dass das Berühren der Schnauzen Glück bringen soll. Natürlich wollten wir dieses Glück vollständig mitnehmen und streichelten allen vier Tieren die Nase. Während Esel, Hund und Katze problemlos erreichbar waren, stellte uns der Hahn vor eine kleine sportliche Herausforderung. Seine Schnauze befindet sich in mehreren Metern Höhe. Erst nach mehreren beherzten Sprüngen gelang es mir schließlich im fünften Versuch, auch den Hahn zu berühren – sehr zur Belustigung der zahlreichen Zuschauer.

Ohne festes Ziel ließen wir uns anschließend durch die wunderschöne Altstadt treiben. Riga zählt seit 1997 zum UNESCO-Weltkulturerbe und beeindruckt mit einer außergewöhnlich gut erhaltenen historischen Bausubstanz. Besonders die prachtvollen Jugendstilgebäude machen die lettische Hauptstadt zu einer der architektonisch interessantesten Städte Europas.

Schließlich erreichten wir das Freiheitsdenkmal, das wohl wichtigste nationale Symbol Lettlands. Das 42 Meter hohe Monument wurde 1935 eingeweiht und erinnert an den Unabhängigkeitskrieg des Landes. Die vergoldete Frauenfigur auf der Spitze – von den Letten liebevoll „Milda“ genannt – hält drei Sterne in die Höhe, die für die historischen Regionen Lettlands stehen. Zu ihren Füßen standen zwei Soldaten der Ehrenwache, die regungslos ihren Dienst versahen.

Nach so vielen Eindrücken hatten wir uns eine Pause verdient. Im Café Cruffins fanden wir schnell ein gemütliches Plätzchen. Die Spezialität des Hauses sind Cruffins – eine Mischung aus Croissant und Muffin. Meine Variante mit einer fruchtigen Rhabarberfüllung war hervorragend und passte perfekt zu einer guten Tasse Kaffee.

Anschließend spazierten wir hinunter zur Daugava, dem großen Fluss, der Riga durchzieht und seit Jahrhunderten eine wichtige Handelsroute zwischen Russland und der Ostsee bildet. Wir beobachteten eine Weile das bunte Treiben am Ufer, bevor wir über die Brücke zum Stadtstrand auf der anderen Flussseite liefen.

Erstaunlicherweise nutzten viele Einheimische den nicht wirklich warmen Sommertag tatsächlich zum Baden. Mitten in einer europäischen Hauptstadt einen Sandstrand mit Badenden vor der Skyline der Altstadt zu erleben, hatte schon etwas Besonderes.

Von dort aus traten wir den Rückweg zu Fuß an. Nach vielen Kilometern durch Riga erreichten wir schließlich wieder unser Wohnmobil. Es war einer jener Tage, an denen wir ohne großen Zeitdruck einfach durch eine Stadt gebummelt sind – und genau dadurch besonders viele schöne Eindrücke sammeln konnten.

Kilometerstand: 87307 km
Tagesetappe: 0 km

27.07.2026 Sigulda, Richtung Estland

Nach einer erholsamen Nacht starteten wir bei leichtem Regen den Tag. Ich habe die Gelegenheit genutzt und war auf dem Stellplatz noch einmal duschen. Anschließend haben wir Frischwasser aufgefüllt, das Grauwasser entsorgt und die Toilette entsorgt. Gefrühstückt haben wir erst wenig später auf dem Parkplatz eines Lidl, wo es frische Brötchen gab – inzwischen fast schon ein fester Bestandteil unserer Reisetage.

Von Riga aus führte uns die Strecke rund 50 Kilometer nordöstlich in den Gauja-Nationalpark, den ältesten und größten Nationalpark Lettlands. Wegen seiner tief eingeschnittenen Flusstäler, dichten Wälder und zahlreichen mittelalterlichen Burgen wird die Region auch als die „Lettische Schweiz“ bezeichnet.

Unser Ziel war Sigulda, einer der beliebtesten Ausflugsorte des Landes. Dort besichtigten wir das Neue Schloss Segewold (Siguldas Jaunā pils). Das Schloss entstand Ende des 19. Jahrhunderts im historistischen Stil als repräsentativer Wohnsitz der Adelsfamilie Kropotkin. Heute beherbergt es unter anderem Ausstellungen zur Geschichte der Region und bildet gemeinsam mit den Ruinen der mittelalterlichen Ordensburg ein reizvolles Ensemble. Besonders schön ist die Lage oberhalb des Gauja-Tals, von wo aus sich immer wieder beeindruckende Ausblicke auf die waldreiche Landschaft bieten.

Nach einem gemütlichen Rundgang setzten wir unsere Reise fort. Unser nächstes großes Ziel war Tartu in Estland. Die Strecke führte uns durch weite Wälder, kleine Dörfer und über kaum befahrene Landstraßen – eine Landschaft, die typisch für das Baltikum ist und eine wohltuende Ruhe ausstrahlt.

Gegen 18 Uhr entdeckten wir schließlich einen idyllisch gelegenen See, an dem das Übernachten erlaubt war. Einen schöneren Platz hätten wir uns kaum wünschen können. Das Wohnmobil stand direkt am Wasser, umgeben von Wald, und außer einigen Vogelstimmen war nichts zu hören.

So ließen wir den Tag entspannt ausklingen und genossen noch einmal die Ruhe der lettischen Natur, bevor unsere Reise am nächsten Morgen weiter nach Tartu führen sollte.

Kilometerstand: 87501 km
Tagesetappe: 194 km

28.07.2026 Forschen in Tartu und Abendstimmung am Peipussee

Nach einer angenehm ruhigen Nacht führte uns der erste Weg – wie so oft – zum nächsten Lidl. Dort gab es nicht nur frische Brötchen für ein ausgiebiges Frühstück, sondern wir erledigten auch gleich den Einkauf für die nächsten Tage.

Anschließend ging es nach Tartu, der zweitgrößten Stadt Estlands. Mit ihrer 1632 gegründeten Universität gilt sie als das wissenschaftliche und geistige Zentrum des Landes. Die Studenten prägen das Stadtbild ebenso wie zahlreiche Forschungseinrichtungen und Museen. 2024 war Tartu sogar Europäische Kulturhauptstadt.

Unser eigentliches Ziel war jedoch das AHHAA Science Centre. Bereits vor elf Jahren hatten wir das Mitmachmuseum besucht und waren damals restlos begeistert. Inzwischen haben wir auf unseren Reisen viele Wissenschafts- und Experimentiermuseen in ganz Europa kennengelernt. Gerade deshalb können wir heute mit Fug und Recht behaupten: Das AHHAA gehört für uns zu den drei besten Science Centern Europas.

Das Erfolgsrezept ist einfach: Fast alles darf ausprobiert werden. Statt Vitrinen und Verbotsschildern erwarten die Besucher Hunderte interaktive Experimente, bei denen Naturwissenschaft und Technik spielerisch erlebbar werden. So verging die Zeit wie im Flug.

Den gesamten Tag verbrachten wir im Museum. Wir experimentierten, knobelten und staunten, besuchten gleich zwei Wissenschaftsshows und nahmen außerdem an einem Workshop teil, bei dem wir unsere eigene Limonade herstellten. Gerade diese Mischung aus Mitmachen und verständlich erklärter Wissenschaft macht den besonderen Reiz des Museums aus – und begeistert Kinder ebenso wie Erwachsene.

Eine Attraktion erinnerte mich besonders an unseren ersten Besuch vor elf Jahren. Damals war ich noch mit einem Fahrrad über ein gespanntes Drahtseil gefahren – natürlich bestens gesichert. Diesmal blieb ich allerdings lieber Zuschauer. Meine Höhenangst hat sich in den vergangenen Jahren leider deutlich verstärkt, und schon der Gedanke daran reichte aus, mich von einem zweiten Versuch abzuhalten. Manchmal muss man sich eben eingestehen, dass sich nicht jede Entwicklung in die gewünschte Richtung bewegt.

Am späten Nachmittag verabschiedeten wir uns von Tartu und fuhren weiter zum Peipussee. Mit einer Fläche von rund 3.500 Quadratkilometern ist er einer der größten Seen Europas und bildet über weite Strecken die Grenze zwischen Estland und Russland. Seine flachen Ufer, kilometerlangen Sandstrände und die vielen kleinen Fischerdörfer verleihen ihm fast den Charakter eines Binnenmeeres.

Direkt am Ufer fanden wir einen ruhigen Parkplatz mit freiem Blick auf den See. Während die Abendsonne das Wasser langsam in warme Farben tauchte und kaum eine Welle die Oberfläche kräuselte, genossen wir die besondere Stimmung dieses riesigen Gewässers. Ein würdiger Abschluss eines Tages, der ganz im Zeichen von Neugier, Entdeckungen und Wissenschaft gestanden hatte.

Kilometerstand: 87641 km
Tagesetappe: 90 km

29.07.2026 Ein Tag im Mittelalter auf Burg Wesenberg in Rakvere

Der Tag begann herrlich entspannt. Nach dem Frühstück zog es Marlon sofort wieder an den Strand des Peipussees, wo er mit großer Begeisterung an seiner Sandburg weiterbaute. Währenddessen genossen wir einfach die Ruhe, blickten über das nahezu spiegelglatte Wasser und ließen die Seele baumeln. Solche ruhigen Stunden gehören zu den schönsten Momenten einer langen Reise.

Gegen Mittag brachen wir auf und fuhren nach Rakvere, wo uns die mächtige Burg Wesenberg (Rakvere Linnus) erwartete. Die mittelalterliche Ordensburg wurde im 13. Jahrhundert vom dänischen Königreich errichtet und später vom Livländischen Orden übernommen. Heute zählt sie zu den außergewöhnlichsten Burgen Estlands – weniger wegen ihrer historischen Mauern als vielmehr wegen ihres einzigartigen Mitmach-Konzepts.

Bereits vor elf Jahren hatten wir die Burg besucht und waren damals begeistert. Seitdem haben wir zahlreiche Burgen, Freilichtmuseen und Mittelalterveranstaltungen in ganz Europa erlebt. Trotzdem können wir heute mit Überzeugung sagen: Rakvere Linnus ist in dieser Form einzigartig und für Familien absolut empfehlenswert. Statt Absperrungen und Vitrinen heißt es hier: anfassen, ausprobieren und selbst erleben.

So tauchten wir für mehrere Stunden in das Mittelalter ein. Natürlich durfte das Bogenschießen nicht fehlen, bei dem wir unser Geschick unter Beweis stellten. In der historischen Schmiede prägten wir unsere eigenen Münzen, die wir als Erinnerung mit nach Hause nehmen werden. Anschließend fertigten wir aus echtem Bienenwachs traditionelle Kerzen an – erstaunlich einfach und doch faszinierend.

Über das gesamte Burggelände verteilt begegneten uns Ziegen, Schafe und andere Tiere, die sich bereitwillig streicheln ließen. Besonders spannend war die Waffenkammer. Dort konnten wir verschiedenste mittelalterliche Hieb- und Stichwaffen selbst in die Hand nehmen. Erst wenn man einmal einen Degen oder einen Zweihänder gehalten hat, bekommt man ein Gefühl dafür, welche Kraft und Übung der Umgang mit diesen Waffen erforderte.

Ein weiteres Highlight erlebten wir während unserer Kaffeepause in der Taverne. Punkt 16 Uhr versammelten sich die Besucher im Burghof, wo mit viel mittelalterlichem Zeremoniell die historische Kanone geladen und schließlich unter lautem Getöse abgefeuert wurde. Der Knall hallte weit über das Burggelände und sorgte selbst bei denjenigen für ein kurzes Zusammenzucken, die genau wussten, was gleich passieren würde. Bei Kaffee und Eis beobachteten wir das Spektakel aus nächster Nähe.

Anschließend schauten wir noch beim Barbier vorbei. Statt Haare zu schneiden, nahm er uns mit auf eine ebenso unterhaltsame wie lehrreiche Reise in die mittelalterliche Medizin. Mit viel Humor erklärte er, wie sich die Pest in Europa ausbreitete und warum die Menschen damals ihr oft hilflos gegenüberstanden. Besonders ausführlich ging er auf die damals noch weitgehend unbekannte Syphilis ein, deren Auftreten das Europa des späten Mittelalters erschütterte. Die Mischung aus historischem Hintergrundwissen und schauspielerischer Darstellung machte den Vortrag ausgesprochen kurzweilig.

Weniger gemütlich wurde es anschließend im Folterkeller. Die Ausstellung zeigte eindrucksvoll, mit welchen Methoden im Mittelalter Geständnisse erzwungen oder Strafen vollstreckt wurden. Noch eindrucksvoller – und mit einem Augenzwinkern inszeniert – war der anschließende Gang durch die Hölle, in der Licht-, Ton- und Spezialeffekte für eine angenehm schaurige Atmosphäre sorgten. Trotz des ernsten historischen Hintergrunds war die Darstellung eher unterhaltsam als gruselig und sorgte für einige Lacher.

Wie schon bei unserem ersten Besuch verging die Zeit viel zu schnell. Gerade die Mischung aus Geschichte, Mitmachen und Unterhaltung macht Rakvere Linnus zu einem Ort, an dem Geschichte lebendig wird. Besonders beeindruckt hat uns auch das Preis-Leistungs-Verhältnis: Für 28 Euro kostete die Familienkarte kaum mehr als der Eintritt in ein gewöhnliches Museum. Dafür erhielten wir Zugang zur gesamten Burg, und sämtliche Workshops – vom Münzprägen über das Kerzendrehen bis hin zu vielen weiteren Mitmachangeboten – waren bereits im Eintrittspreis enthalten. Selten hatten wir das Gefühl, für unser Geld so viel geboten zu bekommen.

Für uns gehört die Burg deshalb ohne Zweifel zu den schönsten Familienattraktionen im gesamten Baltikum.

Als wir die Burg schließlich verließen, war es bereits erstaunlich spät geworden. Bei einer weiteren Folge der „Die drei ???“ machten wir uns auf den Weg zum Viru Bog Nature Trail im Lahemaa-Nationalpark. Dort fanden wir einen ruhigen Parkplatz für die Nacht. Morgen wollten wir eines der bekanntesten Hochmoore Estlands erkunden – und waren schon gespannt, was uns dort erwarten würde.

Kilometerstand: 87770 km
Tagesetappe: 129 km

30.07.2026 durch das Hochmoor zum höchsten Wasserfall Estlands, Neeme

Nach einem gemütlichen Müsli-Frühstück machten wir uns auf den Weg zum Viru-Hochmoor im Lahemaa-Nationalpark, dem ältesten und größten Nationalpark Estlands. Das weitläufige Moor entstand nach der letzten Eiszeit vor rund 10.000 Jahren und gehört heute zu den eindrucksvollsten Naturlandschaften des Landes.

Ein gut angelegter Rundweg führte uns zunächst über breite Holzstege mitten durch die faszinierende Moorlandschaft. Je weiter wir jedoch kamen, desto schmaler wurden die Stege. Zum Schluss bestanden sie nur noch aus zwei nebeneinanderliegenden Brettern. Links und rechts erstreckten sich Wasserflächen, Moose und niedrige Kiefern – eine Landschaft, die gleichzeitig rau und unglaublich friedlich wirkte.

Unterwegs bestiegen wir den Aussichtsturm, von dem sich ein herrlicher Blick über das scheinbar endlose Hochmoor bot. Erst aus dieser Perspektive wurde deutlich, wie weit sich die Moorlandschaft bis zum Horizont erstreckt.

Einige hundert Meter weiter erreichten wir eine der offiziellen Badestellen. Das dunkle, fast kaffeebraune Wasser verdankt seine Farbe den Huminstoffen aus dem Torf und ist erstaunlich sauber. Viele Einheimische schwören auf ein Bad im Moorsee. Ulli ärgerte sich jedenfalls sehr, dass sie ihre Badesachen im Wohnmobil gelassen hatte. Wir anderen konnten uns dagegen nicht so recht überwinden. Der Gedanke, freiwillig in das braune Moorwasser zu springen, reizte uns deutlich weniger.

Besonders spannend war die Pflanzenwelt. Zwischen Torfmoosen, Heidekraut und den knorrigen Moor-Kiefern entdeckten wir immer wieder ungewöhnliche Gewächse. Moore gehören zu den artenreichsten und zugleich empfindlichsten Lebensräumen Nordeuropas und speichern enorme Mengen Kohlenstoff – ein wichtiger Beitrag zum Klimaschutz.

Für einen kurzen Schreckmoment sorgte Marla. Sie fühlte sich unterwegs nicht besonders wohl und wollte deshalb schneller zum Wohnmobil zurückgehen. Leider nahm sie dabei an einer Weggabelung den falschen Abzweig und verlief sich. Als wir kurze Zeit später selbst am Wohnmobil ankamen, war von ihr keine Spur zu sehen. Für einen Moment wurde uns allen etwas mulmig, und wir überlegten bereits, wo wir mit der Suche beginnen sollten. Glücklicherweise tauchte sie wenig später wohlbehalten auf. Sie hatte ihren Irrtum selbst bemerkt und schließlich den richtigen Weg zurückgefunden. Die Erleichterung war auf allen Seiten groß.

Nach einer weiteren Folge der „Die drei ???“ setzten wir unsere Reise fort. Unser nächstes Ziel war der Jägala-Wasserfall, mit rund acht Metern Fallhöhe der höchste natürliche Wasserfall Estlands. Bevor wir den Wasserfall erreichten, überquerten wir den Fluss oberhalb der Abbruchkante. Schon dort fiel uns die charakteristische bräunliche Färbung des Wassers auf – ein deutliches Zeichen dafür, dass auch dieser Fluss durch ausgedehnte Moorgebiete fließt und dabei Huminstoffe aufnimmt.

Nur wenige Kilometer weiter erreichten wir den kleinen Neeme Harbor (Neeme Sadam) an der Ostseeküste. Der ruhige Stellplatz direkt am Hafen gefiel uns auf Anhieb. Nach dem Einparken spazierten wir noch durch das kleine Fischerdorf und gönnten uns zur Belohnung Kaffee und ein Eis mit Blick auf die Ostsee.

Den Abend ließen wir ganz entspannt ausklingen. Natürlich durfte unsere tägliche Skatrunde nicht fehlen. Nach den vielen Eindrücken des Tages war das genau der richtige Abschluss – ruhig, gemütlich und mit Blick auf das Meer.

Kilometerstand: 87819 km
Tagesetappe: 49 km

31.07.2026 Tallinn und ein verregneter Abend am Wasserfall

Heute ließen wir den Tag ganz entspannt beginnen und schliefen noch einmal aus. Zum Frühstück gab es frische Aufbackbrötchen – ein kleiner Luxus, den wir dank des Backofens im Wohnmobil inzwischen nicht mehr missen möchten.

Bevor wir weiterfuhren, erledigten wir im Hafen noch die Ver- und Entsorgung. Anschließend ging es bei einer weiteren Folge der „Die drei ???“ in Richtung Tallinn, unserem letzten großen Reiseziel im Baltikum.

Der erste Halt war – inzwischen fast schon traditionell – ein Lidl, um unsere Vorräte für die kommenden Tage aufzufüllen. Wenig später nutzten wir außerdem die Gelegenheit, den Tank für 1,83 Euro pro Liter noch einmal vergleichsweise günstig zu füllen. Bei den insgesamt über 6.000 Kilometern unserer Reise summieren sich schließlich auch kleine Preisunterschiede.

In Tallinn fanden wir einen Parkplatz nur wenige Gehminuten von der Altstadt entfernt. Sechs Euro für 24 Stunden – für eine europäische Hauptstadt ein ausgesprochen fairer Preis. Kaum ausgestiegen, standen wir bereits am Denkmal der „Broken Line“, das an den Untergang der Fähre MS Estonia erinnert.

Am 28. September 1994 sank die Fähre auf der Fahrt von Tallinn nach Stockholm während eines schweren Sturms in der Ostsee. 852 Menschen kamen dabei ums Leben, nur 137 überlebten. Bis heute zählt das Unglück zu den schwersten Schiffskatastrophen Europas in Friedenszeiten. Das Denkmal mit seiner aufgebrochenen Linie symbolisiert die abrupt unterbrochenen Lebenswege der Opfer und lädt zum stillen Gedenken ein.

Anschließend tauchten wir in die wunderschöne Altstadt Tallinns ein. Sie gehört seit 1997 zum UNESCO-Weltkulturerbe und zählt zu den am besten erhaltenen mittelalterlichen Altstädten Europas. Zwischen den alten Kaufmannshäusern, verwinkelten Gassen und mächtigen Stadtmauern fühlte man sich schnell mehrere Jahrhunderte zurückversetzt.

In einem kleinen Souvenirladen fanden wir ein schönes Bild für unsere Erinnerungssäule, bevor wir die zahlreichen Stufen zur Aussichtsplattform auf dem Domberg (Toompea) erklommen. Der Aufstieg lohnte sich: Von oben bot sich ein traumhafter Blick über die roten Ziegeldächer, die zahlreichen Kirchtürme und die vollständig erhaltene Stadtmauer der Altstadt.

Anschließend besichtigten wir den Dom von Tallinn, die älteste Kirche der Stadt. Die ursprünglich katholische, später evangelisch-lutherische Kirche wurde bereits im 13. Jahrhundert errichtet und beherbergt bis heute zahlreiche kunstvoll gestaltete Grabdenkmäler baltendeutscher Adelsfamilien.

Über den historischen Rathausplatz schlenderten wir weiter durch die engen Gassen der Altstadt. Auf ausdrücklichen Wunsch von Ulli legten wir schließlich eine Mittagspause bei Hesburger ein – der größten Fast-Food-Kette Finnlands und des Baltikums. Nach unserer eher enttäuschenden Erfahrung bei KFC waren wir angenehm überrascht. Die Burger schmeckten hervorragend und konnten uns deutlich mehr überzeugen.

Danach ließen wir uns noch eine ganze Weile ohne festes Ziel treiben. Kleine Innenhöfe, mittelalterliche Durchgänge und versteckte Gassen sorgten immer wieder für neue Fotomotive. Gerade diese ruhigen Ecken abseits der Hauptstraßen machten für uns den besonderen Charme Tallinns aus.

Am späten Nachmittag verließen wir die Stadt wieder. Wegen zahlreicher Baustellen gestaltete sich die Fahrt aus Tallinn allerdings deutlich schwieriger als erwartet. Immer wieder mussten wir Umleitungen folgen und kamen nur langsam voran.

Rund 40 Kilometer östlich der Hauptstadt erreichten wir schließlich den Keila-Wasserfall, einen der schönsten Wasserfälle Estlands. Zwei Hängebrücken ermöglichen dort beeindruckende Blicke auf den Fluss und den Wasserfall. Während unseres Spaziergangs wurden wir allerdings von einem kräftigen Regenschauer überrascht. Zum Glück war der Weg zurück zum Wohnmobil nicht weit.

Da uns der ruhige Parkplatz ausgesprochen gut gefiel und wir an diesem Tag keine Lust mehr auf weitere Kilometer hatten, beschlossen wir spontan, genau hier die Nacht zu verbringen.

01.08.2026 Pärnu und Sorgen ums Wohnmobil

Nach einer ruhigen Nacht machten wir uns auf den Weg zum nächsten Lidl, wo wir bei frischen Brötchen gemütlich frühstückten. Anschließend führte uns die Reise weiter nach Pärnu, dem wohl bekanntesten Badeort Estlands und der inoffiziellen „Sommerhauptstadt“ des Landes. Seit dem 19. Jahrhundert zieht die Stadt mit ihren langen Sandstränden, den flachen Badebuchten und den zahlreichen Kureinrichtungen Urlauber aus dem ganzen Baltikum an.

Die gute Stimmung bekam jedoch schon bei der Parkplatzsuche einen kleinen Dämpfer. Beim Rangieren hörten wir plötzlich ein deutliches Quietschen, das immer dann auftrat, wenn das Lenkrad leicht nach links eingeschlagen war. Sofort gingen uns die verschiedensten Möglichkeiten durch den Kopf. Nach dem Einparken kontrollierte ich deshalb zunächst die Bremsanlage. Das Vorderrad auf der Fahrerseite war leicht wärmer als die anderen, allerdings zeigte die Bremsscheibe weder innen noch außen auffällige Riefen oder Beschädigungen. Wenigstens hatte sich also offenbar kein Stein zwischen Bremsscheibe und Schutzblech oder in der Bremsanlage verklemmt. Ganz beruhigt waren wir trotzdem nicht. Schließlich lagen noch weit über tausend Kilometer bis nach Erfurt vor uns. Also blieb nur die Hoffnung, dass sich das Problem von selbst erledigen würde und wir die Heimreise ohne Werkstattbesuch antreten könnten.

Nach dieser kleinen Inspektion ließen wir uns die Laune aber nicht verderben und machten uns zu einem gemütlichen Spaziergang durch die Innenstadt von Pärnu auf. Überall herrschte sommerliches Treiben. Straßenmusiker spielten auf den Plätzen, zahlreiche Foodtrucks boten regionale und internationale Spezialitäten an, und die Fußgängerzonen waren voller Urlauber.

Besonders sympathisch fanden wir zwei junge Verkäufer, die mit einem kleinen Obststand offensichtlich ihre ersten Erfahrungen als Unternehmer sammelten und sich ihr Taschengeld aufbessern wollten. Natürlich kauften wir ihnen einen großen Becher mit frisch geschnittenem Obst ab – nicht nur, weil er lecker aussah, sondern auch, weil wir ihren Einsatz gerne unterstützten.

Anschließend zog es uns an den berühmten Strand von Pärnu. Schnell wurde klar, warum dieser zu den beliebtesten Stränden an der Ostsee zählt. Feiner, heller Sand, angenehm warmes Wasser und ein extrem flach abfallender Meeresboden machen ihn besonders familienfreundlich. Man konnte weit hinauslaufen, ohne dass das Wasser tiefer als bis zu den Knien reichte. Erst nach ungefähr hundert Metern begann die Ostsee langsam tief genug zu werden, um richtig schwimmen zu können. Die vorgelagerten Sandbänke sorgten zusätzlich für ruhiges Wasser und eine fast schon lagunenartige Atmosphäre.

Am späten Nachmittag fuhren wir noch wenige Kilometer weiter zu einem kleinen Parkplatz an einem eher von Einheimischen genutzten Strand. Landschaftlich konnte dieser zwar nicht ganz mit dem berühmten Sandstrand von Pärnu mithalten – statt feinem Sand erinnerte das Ufer eher an eine große Wiese –, dafür genossen wir dort genau das, was wir nach dem Trubel des Tages suchten: Ruhe.

So ließen wir den Abend entspannt ausklingen und hofften insgeheim, dass das Quietschen unseres Wohnmobils am nächsten Morgen vielleicht genauso plötzlich verschwunden sein würde, wie es aufgetaucht war.

02.08.2026 Frisbeegolf, eine Mole zum Klettern und rote Sandsteinfelsen

Nach einer wunderbar ruhigen Nacht starteten wir ausgeschlafen in den Tag. Zum Frühstück gab es noch einmal frische Aufbackbrötchen, bevor wir unser erstes Ziel ansteuerten.

Nur wenige Kilometer entfernt erreichten wir einen großen Ferien- und Freizeitpark mitten im Wald, der unzählige Outdoor-Aktivitäten anbot – vom Kletterpark über Mountainbike-Strecken bis hin zu verschiedenen Sportanlagen. Unsere Wahl fiel auf Disc Golf, besser bekannt als Frisbeegolf.

Zum Einstieg entschieden wir uns für den einfachen Anfängerparcours mit neun Bahnen. Das Prinzip ist schnell erklärt: Statt einen Ball mit möglichst wenigen Schlägen in ein Loch zu spielen, muss eine spezielle Frisbeescheibe mit möglichst wenigen Würfen in einen Metallkorb befördert werden. Klingt einfach – ist es aber überhaupt nicht.

Aus irgendeinem unerklärlichen Grund entwickelten unsere Frisbees nach einem zunächst schnurgeraden Flug regelmäßig ein Eigenleben und bogen plötzlich hart nach links ab. Wahrscheinlich lag es weniger an den Scheiben als an unserer Wurftechnik. Mit jeder Bahn wurden wir jedoch sicherer, und spätestens am Ende der Runde landeten unsere Würfe deutlich häufiger dort, wo sie eigentlich hin sollten. Der Parcours machte uns allen riesigen Spaß und war eine willkommene Abwechslung zu den vielen Stadtbesichtigungen der vergangenen Wochen.

Wären da nur nicht die Bewohner des Waldes gewesen. Riesige Ameisen, unzählige Mücken und hartnäckige Bremsen begleiteten uns praktisch auf jedem Meter. Den Höhepunkt bildeten allerdings die Spinnen. Einige Exemplare waren so beeindruckend groß, dass selbst das Terrarium im Erfurter Zoo neidisch geworden wäre. Zum Glück schienen sie an uns deutlich weniger interessiert zu sein als die Mücken.

Da wir uns inzwischen ganz im Norden Lettlands befanden, hofften wir unterwegs immer wieder auf eine Begegnung mit einem Elch. Zahlreiche Warnschilder entlang der Straßen machten jedenfalls Hoffnung. Doch trotz aller Aufmerksamkeit blieb uns das Glück verwehrt. Kein einziger Elch ließ sich blicken – wahrscheinlich wussten sie genau, dass wir auf sie warteten.

An der Grenze zwischen Estland und Lettland legten wir den nächsten Stopp ein. Dort führt eine lange Steinmole weit hinaus in die Ostsee. Ursprünglich waren hier Tausende sorgfältig aufgeschichtete Steine zu einem stabilen Wellenbrecher verbunden worden. Im Laufe der Jahrzehnte haben Sturmfluten, Eisgang und Absenkungen des Untergrundes die Konstruktion jedoch stark verändert. Heute gleicht die Mole eher einem riesigen natürlichen Kletterparcours aus gewaltigen Granitblöcken.

Natürlich konnten wir der Versuchung nicht widerstehen und balancierten, kletterten und sprangen von Stein zu Stein bis weit hinaus aufs Meer. Genau solche kleinen Abenteuer mögen wir besonders.

Zum Abschluss des Tages fuhren wir weiter an die berühmten Roten Klippen von Veczemju. Die bis zu sechs Meter hohen Sandsteinfelsen entstanden vor rund 350 Millionen Jahren im Devon und gehören zu den eindrucksvollsten Küstenformationen Lettlands. Wind und Wellen haben im Laufe der Zeit kleine Höhlen, Nischen und bizarre Formen in den roten Sandstein gegraben.

Während Marlon sofort damit begann, erneut eine beeindruckende Wasserburg zu bauen, genossen wir die entspannte Atmosphäre am Strand. Das leuchtende Rot der Felsen bildete einen wunderschönen Kontrast zum Blau der Ostsee.

Am Abend verabschiedete sich die Sonne langsam über dem Meer. Ulli blieb noch eine ganze Weile am Strand und genoss den Sonnenuntergang, während wir es uns bereits im Wohnmobil gemütlich machten. Dort wartete noch ein kleines Ritual unserer Reise auf uns: Heute stand der fünfte Teil der „Fast & Furious“-Reihe auf dem Programm. Ein schöner Abschluss für einen Tag voller Bewegung, Natur und kleiner Abenteuer.

03.08.2026 ein ruhiger Tag am Meer

Nach den vielen Erlebnissen der vergangenen Wochen sollte dieser Tag ganz bewusst etwas ruhiger werden. Kein Museum, keine Burg und keine lange Wanderung standen auf dem Programm. Stattdessen wollten wir entspannen, Wäsche waschen und uns langsam auf den zweiten Teil unserer Reise vorbereiten. Auch wenn sich der Urlaub noch lange nicht dem Ende näherte, rückte die Heimfahrt allmählich in den Blick. In knapp zwei Wochen mussten wir wieder in Erfurt sein, denn für die Kinder begann dann das neue Schuljahr.

Trotzdem lagen zunächst noch gut 200 Kilometer vor uns. Die Fahrt verlief angenehm ruhig und führte uns noch einmal durch Riga, wo wir einen letzten größeren Einkauf im Lidl erledigten. Unsere Vorräte waren inzwischen deutlich geschrumpft, und für die kommenden Tage wollten wir wieder gut ausgestattet sein.

Am Nachmittag erreichten wir schließlich einen ruhig gelegenen Campingplatz direkt an der Ostsee, mitten in einem Naturschutzgebiet. Schon beim Einfahren fiel auf, wie wenig Betrieb dort herrschte. Außer wenigen anderen Gästen waren wir fast allein – genau das Richtige nach den lebhaften Städten der vergangenen Tage.

Kaum stand das Wohnmobil auf seinem Platz, wanderte die Schmutzwäsche in die Waschmaschine. Während diese zuverlässig ihre Arbeit verrichtete, gönnten wir uns eine entspannte Kaffeepause mit frischem, leckerem Gebäck. Es sind oft genau diese kleinen Momente ohne Zeitdruck, die einen Urlaub besonders angenehm machen.

Natürlich zog es uns anschließend noch an den Strand. Der feine, helle Sand hätte problemlos mit den schönsten Ostseestränden mithalten können. Im Wasser zeigte sich allerdings ein anderes Bild. Zwischen den Wellen trieben größere Algenfelder, und hier und da entdeckten wir sogar einige Quallen. Hinzu kam, dass sich die Sonne an diesem Tag eher zurückhielt. Es war angenehm warm für einen Spaziergang, aber längst nicht heiß genug, um unbedingt baden zu gehen.

Stattdessen holten wir unsere Boccia-Kugeln hervor und lieferten uns mehrere spannende Partien am Strand. Der feste Sand erwies sich als perfekter Untergrund, und schon nach wenigen Würfen entwickelte sich ein kleiner Familienwettkampf.

Für Marlon hielt der Tag noch eine ganz besondere Überraschung bereit. Seit einigen Tagen funktionierte sein ferngesteuertes Boot nicht mehr, und alle bisherigen Reparaturversuche waren erfolglos geblieben. Nun nahm ich mir noch einmal in Ruhe die Elektronik vor und wurde tatsächlich fündig: Eine Elektrode hatte sich gelöst und war korrodiert. Dadurch erkannte das Boot nicht mehr, dass es im Wasser lag, und verweigerte konsequent den Dienst. Nachdem der Kontakt gereinigt und wieder richtig befestigt war, funktionierte plötzlich alles wieder einwandfrei. Marlon war überglücklich und ließ das Boot sofort mit großer Begeisterung über das ruhige Wasser der Ostsee flitzen. Es war einer dieser kleinen Reparaturerfolge, die im Urlaub mindestens genauso viel Freude bereiten wie große Sehenswürdigkeiten.

Den Rest des Tages verbrachten wir ganz ohne festes Programm. Die frisch gewaschene Wäsche trocknete in der Meeresbrise, wir genossen die entspannte Atmosphäre des nahezu leeren Campingplatzes und sammelten neue Kraft für die nächsten Etappen unserer Reise. Nach den vielen Eindrücken der vergangenen Wochen tat ein solcher Ruhetag ausgesprochen gut.

04.08.2026 Sandhöhlen, Kuldīga und ein teures Souvenir

Nach einer ruhigen Nacht starteten wir gut ausgeschlafen in den Tag. Nach der Ver- und Entsorgung des Wohnmobils ging es weiter nach Süden. Die Strecke führte uns über die bisher schlechtesten Straßen unserer gesamten Baltikumreise. Schlaglöcher, Flickstellen und unebene Fahrbahnen verlangten dem Wohnmobil einiges ab und machten die Fahrt deutlich anstrengender als gewohnt. Über viele Kilometer waren mehr als 30km/h nicht drin.

Unser erstes Ziel waren die Riežupe-Sandhöhlen bei Kuldīga. Das weit verzweigte Tunnelsystem entstand nicht auf natürliche Weise, sondern durch den jahrhundertelangen Abbau von besonders feinem Quarzsand, der unter anderem für die Glasherstellung verwendet wurde. Heute erstrecken sich die unterirdischen Gänge über mehrere Kilometer, von denen ein kleiner Teil im Rahmen einer Führung besichtigt werden kann. Bei konstanten acht Grad Celsius herrschte in den Höhlen selbst an diesem Sommertag eine angenehm kühle Atmosphäre. Beeindruckend war vor allem, wie präzise die zahlreichen Gänge und Kammern von Hand in den Sand gegraben wurden.

Anschließend fuhren wir weiter nach Kuldīga, einer der schönsten Kleinstädte Lettlands. Da die Hauptstraße der historischen Altstadt gerade umfassend saniert wurde, mussten wir uns einen Parkplatz in einer Seitenstraße suchen. Zunächst schien das eine gute Lösung zu sein – später sollte sich allerdings herausstellen, dass diese Entscheidung ein teures Nachspiel haben würde.

Kuldīga besitzt einen ganz besonderen Charme. Viele der alten Holzhäuser stammen noch aus dem 17. und 18. Jahrhundert und verleihen der Stadt ein fast märchenhaftes Flair. Gleichzeitig stehen zahlreiche Gebäude leer oder warten dringend auf eine Sanierung. Gerade diese Mischung aus liebevoll restaurierten Fassaden und leicht verfallenen Häusern erzeugt eine ganz eigene, beinahe morbide Atmosphäre, die uns überraschend gut gefiel. Wir fanden ein süßes Kaffee mit unglaublich leckerem Kuchen und kehrten ein.

Natürlich durfte auch ein Spaziergang zur berühmtesten Sehenswürdigkeit der Stadt nicht fehlen: dem Ventas Rumba. Mit einer Breite von bis zu 249 Metern gilt sie als breitester natürlicher Wasserfall Europas – auch wenn die Fallhöhe mit etwa zwei Metern eher bescheiden ausfällt. Gerade diese ungewöhnliche Kombination macht den Wasserfall so besonders. Im Frühjahr springen hier sogar Lachse flussaufwärts über die Stromschnellen – ein weltweit seltenes Naturschauspiel.

Während wir den Blick über die breite Stromschnelle schweifen ließen, zeigte Ulli deutlich mehr Mut als wir. Sie ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen und ging tatsächlich im Fluss baden. Wir anderen beschränkten uns darauf, die Füße ins Wasser zu halten und das Treiben zu beobachten.

Auf dem Rückweg entdeckten wir noch einen kleinen, liebevoll eingerichteten Laden mit regionalem Kunsthandwerk und Souvenirs. Natürlich konnten wir nicht widerstehen und nahmen ein paar Erinnerungsstücke mit – schließlich sollte auch Kuldīga einen Platz in unserem Zuhause finden.

Zurück am Wohnmobil wartete dann allerdings eine weniger schöne Überraschung auf uns. Hinter dem Scheibenwischer steckte ein Strafzettel über 40 Euro. Nach Ansicht der örtlichen Behörden hatten wir zu nah an einer Grundstücksausfahrt geparkt. Für uns war das nicht wirklich nachvollziehbar, zumal wir niemanden behindert hatten. Diskutieren hätte jedoch nichts gebracht. Also verbuchten wir die 40 Euro kurzerhand als wohl teuerstes Souvenir des Tages.

Am späten Nachmittag setzten wir unsere Reise fort und fuhren weiter nach Liepāja. Dort fanden wir einen Stellplatz direkt am langen Sandstrand der Ostsee. Nach dem kleinen Ärger über den Strafzettel war das Meeresrauschen genau die richtige Medizin. So ließen wir den Abend entspannt ausklingen und genossen noch einmal einen der wunderschönen Strände Lettlands.

05.08.2026 Küstenfestung, baltische Mythologie und zurück nach Litauen, Klaipėda

Der Morgen begann ganz entspannt, denn heute lag unsere erste Sehenswürdigkeit nur wenige Minuten vom Stellplatz entfernt. Direkt an der Ostseeküste besuchten wir die Überreste der Festungsbatterie Nr. 3 bei Liepāja.

Die mächtigen Betonbauten wurden zwischen 1893 und 1908 als Teil der zaristischen Seefestung Libau errichtet. Sie sollten den wichtigen Militärhafen gegen Angriffe von der Ostsee schützen. Ironischerweise erwiesen sich die gewaltigen Festungsanlagen schon kurz nach ihrer Fertigstellung als militärisch überholt. Teile wurden bereits vor dem Ersten Weltkrieg wieder gesprengt, der Rest wurde im Laufe der Jahrzehnte von Wind, Wellen und der stetigen Küstenerosion erfasst. Heute ragen die riesigen Betonblöcke schräg aus dem Strand oder stehen wie versunkene Ruinen im Meer – ein faszinierender Anblick.

Natürlich konnten wir nicht widerstehen und kletterten vorsichtig über die gewaltigen Betonreste. Durch die dunklen Gänge zu schleichen hatte etwas Abenteuerliches und sorgte an manchen Stellen durchaus für eine kleine Gänsehaut. Gleichzeitig beeindruckte uns das glasklare Wasser der Ostsee, das sich zwischen den Ruinen sammelte und in der Morgensonne fast karibisch wirkte.

Anschließend hieß es Abschied nehmen von Liepāja. Zahlreiche Baustellen und Umleitungen machten die Ausfahrt allerdings deutlich komplizierter als gedacht. Mit etwas Geduld fanden wir schließlich den richtigen Weg aus der Stadt.

Am Stadtrand legten wir noch einen letzten Stopp bei Lidl ein, um unsere Vorräte aufzufüllen. Außerdem nutzten wir die Gelegenheit, den Tank für 1,83 Euro pro Liter zu füllen – ein echter Glücksgriff. Auf unserer Reise hatten wir inzwischen auch Tankstellen gesehen, die bereits über 2,00 Euro pro Liter verlangten.

Kurz darauf überquerten wir erneut die Grenze nach Litauen. Unser nächstes Ziel war das Žemaičių Alka – das Samogitische Heiligtum.

Die kreisförmig angeordneten Holzsäulen wurden erst Ende der 1990er-Jahre errichtet, orientieren sich aber an den vorchristlichen Glaubensvorstellungen der baltischen Völker. Die Anlage dient als symbolische Rekonstruktion eines alten Kultplatzes. Besonders interessant ist, dass die Schatten der kunstvoll geschnitzten Holzpfähle zu bestimmten Zeiten auf bestimmte Markierungen fallen und so die traditionellen baltischen Kalenderfeste anzeigen – darunter die Sonnenwenden und Tagundnachtgleichen. Ein spannender Ort, an dem Geschichte, Astronomie und Mythologie aufeinandertreffen.

Von dort führte ein schöner Holzsteg durch die Dünen bis an den Ostseestrand. Das Wasser war hier deutlich trüber als am Morgen bei den Festungsruinen, und am Ufer hatten sich einige Algen angesammelt. Trotzdem ließen wir uns die Gelegenheit nicht entgehen und sprangen zur Abkühlung noch einmal in die Ostsee. Nach den warmen Stunden des Tages tat das ausgesprochen gut.

Am Nachmittag ging es weiter nach Klaipėda. Unterwegs konnten wir an einer Tankstelle endlich unser Grauwasser entsorgen – immer wieder erstaunlich, wie unterschiedlich die Infrastruktur in den einzelnen Ländern organisiert ist.

Für die Nacht steuerten wir den großen Parkplatz eines Einkaufszentrums an. Dort erledigten wir noch einige Besorgungen. Im Decathlon fand ich endlich eine neue kurze Hose, nachdem meine alte inzwischen deutliche Gebrauchsspuren zeigte. In einem Elektronikgeschäft entdeckte ich außerdem einen USB-Adapter für die Autosteckdose, der schon länger auf meiner Einkaufsliste stand. Ulli gönnte sich schließlich noch eine Flasche Birkenwasser, ein in den baltischen Ländern beliebtes Erfrischungsgetränk, das aus dem Saft von Birken gewonnen wird und leicht süßlich schmeckt.

Den Abend ließen wir ganz traditionell ausklingen. Natürlich durfte auch heute unsere tägliche Runde Skat nicht fehlen – inzwischen fast genauso fest im Reiseprogramm verankert wie das Frühstück im Wohnmobil.

06.08.2026 Die Kurische Nehrung und die Wanderdünen von Nida

Für unsere Verhältnisse waren wir heute richtig früh unterwegs. Gegen 8 Uhr machten wir uns zu Fuß auf den etwa 1,5 Kilometer langen Weg zum Hafen von Klaipėda. Unser Plan war, mit der Fähre auf die Kurische Nehrung überzusetzen und von dort mit dem Bus nach Nida zu fahren.

Am Ticketschalter fragte uns der Verkäufer allerdings etwas verwundert, warum wir denn zu Fuß unterwegs seien. Wir erklärten ihm, dass wir mit dem Bus nach Nida wollten. Daraufhin zeigte er uns, dass wir am falschen Hafen standen: Die Busse zur Kurischen Nehrung fuhren nicht von hier, sondern vom Alten Hafen. Ein ziemlich wichtiger Hinweis! Ohne ihn wären wir vermutlich auf der anderen Seite angekommen und hätten dort ziemlich ratlos ohne Busverbindung gestanden. Also hieß es: zurück zum Wohnmobil, einsteigen und die fünf Kilometer zum richtigen Hafen fahren.

Gegen 10 Uhr saßen wir dann tatsächlich auf der Fähre. Die Überfahrt über die Memel beziehungsweise das Hafengebiet von Klaipėda dauerte nur wenige Minuten, und kurz darauf ging es mit dem Bus weiter Richtung Nida.

Die Kurische Nehrung ist eine rund 98 Kilometer lange, schmale Landzunge aus Sand, die sich zwischen der Ostsee und dem Kurischen Haff erstreckt. Der nördliche Teil gehört zu Litauen, der südliche zu Russland. Die Landschaft entstand über Jahrtausende durch Sandablagerungen, Wind und Meeresströmungen und gehört heute zum UNESCO-Welterbe. Besonders beeindruckend sind die gewaltigen Wanderdünen, die der Nehrung auch den Beinamen „litauische Sahara“eingebracht haben.

In Nida statteten wir zunächst der Touristinformation einen Besuch ab und besorgten uns eine Karte mit den wichtigsten Sehenswürdigkeiten. Anschließend wanderten wir in Richtung der großen Düne. Schon bald erreichten wir die große Sanduhr, die den Beginn des Dünengebietes markiert und zugleich als Aussichtspunkt dient.

Danach ging es richtig in den Sand. Die Große Düne von Nida erhob sich vor uns wie eine riesige natürliche Wand. Der Aufstieg war zwar anstrengender als der Blick zunächst vermuten ließ – jeder Schritt im weichen Sand kostet schließlich deutlich mehr Kraft als auf einem normalen Weg –, machte aber unglaublich viel Spaß. Oben angekommen, wurden wir mit einem beeindruckenden Blick über die Dünenlandschaft, das Kurische Haff und die Ostsee belohnt.

Mittlerweile schien die Sonne kräftig vom Himmel, doch zum Glück war es nicht unangenehm heiß. Der Wind sorgte für eine angenehme Abkühlung und machte die Wanderung ausgesprochen angenehm.

Für den Rückweg wählten wir den Strand. Wir hatten extra unsere Badesachen mitgeschleppt und eigentlich fest mit einer Abkühlung gerechnet. Doch zumindest auf der Haffseite war das Wasser nicht gerade einladend. Also blieben die Badehosen trocken und wir genossen stattdessen den Spaziergang entlang des Wassers.

Zurück in Nida suchten wir uns ein gemütliches Café. Bei Kaffee, Kuchen und Eis ließen wir die vielen Eindrücke des Tages auf uns wirken und gönnten unseren inzwischen müden Beinen eine Pause.

Mit dem Bus ging es anschließend zurück zum Fähranleger. Wenig später waren wir wieder am Wohnmobil und machten uns auf den Weg nach Süden. Nach einer weiteren, ziemlich anstrengenden 45-minütigen Fahrt fanden wir schließlich einen Stellplatz an einem kleinen Hafen.

Nach der Hitze und den vielen Kilometern hatten wir uns zunächst eine ausgiebige Dusche verdient. Anschließend bestiegen wir noch den Aussichtsturm und genossen den Blick über die Umgebung.

Und natürlich durfte auch heute unsere obligatorische Runde Skat nicht fehlen.

Zum Abendessen gab es diesmal etwas Selbstgemachtes: Dönerrollen aus dem Wohnmobil. Mmmh – lecker! Nach einem langen Tag auf der Kurischen Nehrung genau das richtige Abendessen.

07.08.2026 Marlas 17. Geburtstag und ein lebendiges Kaunas

Heute begann der Tag mit einer kleinen Überraschung. Wir weckten Marla mit dem Duft frisch gebackener Aufbackbrötchen – und oben drauf steckten natürlich zwei Kerzen. Schließlich wurde unser Geburtstagskind heute 17 Jahre alt! Wir gratulierten ihr ausgiebig und nach und nach wurden auch die Geschenke ausgepackt.

Besonders schön war das Geschenk von Marlon: Er hatte bereits vor einigen Tagen in Kuldīga Ohrringe ausgesucht und gekauft und sie seitdem offensichtlich gut vor Marla geheim halten können. Von uns gab es unter anderem etwas, das hoffentlich noch viele gemeinsame Abenteuer ermöglicht: die Segelschule für den Binnen- und Seeschein. Ein passendes Geschenk für jemanden, der später vielleicht einmal selbst das Steuer eines Segelbootes übernehmen möchte.

Nach dem Frühstück machten wir noch die übliche Ver- und Entsorgung des Wohnmobils und starteten anschließend Richtung Kaunas. Die Fahrt erwies sich allerdings als deutlich zäher als erhofft. Teilweise ziemlich schlechte Straßen und immer wieder dichter Verkehr und Staus kosteten uns einiges an Zeit und Nerven.

Unterwegs legten wir noch einen Geburtstags-Zwischenstopp an einem Supermarkt ein. Marla durfte sich dort ihren Geburtstagskuchen selbst aussuchen. Die Wahl erwies sich als ausgesprochen gelungen – der Kuchen war tatsächlich richtig lecker und wurde natürlich nicht erst bis zum nächsten Tag aufgehoben.

Irgendwann erreichten wir schließlich Kaunas und fanden einen Parkplatz, von dem aus wir die Innenstadt bequem zu Fuß erkunden konnten. Kaunas ist nach Vilnius die zweitgrößte Stadt Litauens und war von 1920 bis 1939 die provisorische Hauptstadt des Landes, nachdem Vilnius damals zu Polen gehörte. Diese besondere Geschichte hat die Stadt architektonisch und kulturell stark geprägt.

Unser Spaziergang führte uns zunächst vorbei an der Burg von Kaunas, weiter zu Kirchen und über den historischen Marktplatz. Von dort ging es auf die Laisvės alėja, die „Allee der Freiheit“. Die fast zwei Kilometer lange Fußgängerzone bildet heute das Herz der Stadt.

Und dort erwartete uns eine Überraschung: Wir hatten mit einem gemütlichen Stadtbummel gerechnet, fanden aber eine ausgesprochen lebendige Innenstadt vor. Unzählige Menschen waren unterwegs, saßen in Cafés oder schlenderten mit uns über die Promenade. Straßenmusiker, Künstler und kleine Darbietungen sorgten überall für Unterhaltung. Die Atmosphäre war so lebendig, dass wir uns einfach treiben ließen.

Am Ende der Promenade erreichten wir schließlich unser eigentliches Ziel: einen Burgerladen im Stil von „Breaking Bad“. Für Marla durfte es an ihrem Geburtstag schließlich etwas Besonderes sein. Und so wurde aus dem Stadtbummel ein ordentliches Geburtstagsessen. Die Burger waren lecker – vielleicht sogar ein bisschen zu lecker, denn anschließend waren wir alle ziemlich "überfressen".

Also ging es gemütlich zu Fuß zurück. Inzwischen hatte sich die Stimmung auf der Laisvės alėja noch einmal verändert. Zwei DJs hatten auf einem Balkon ihre Technik aufgebaut und beschallten die Promenade mit Musik. Einige der Passanten ließen sich davon nicht lange bitten und begannen spontan zu tanzen. Kaunas zeigte sich an diesem Abend ausgesprochen feierfreudig.

Auch unser vermeintlich ruhiger Parkplatz hatte inzwischen ein Eigenleben entwickelt. Sehr zur Freude von Marlon hatte er sich zu einem Treffpunkt der lokalen Tuning-Szene entwickelt. Aufgemotzte Autos kamen und gingen, Motoren wurden gestartet und entsprechend lebhaft und laut ging es auf dem Parkplatz zu.

Normalerweise wäre das wohl nicht gerade unsere Wunschkulisse für die Nacht gewesen. Aber nach der langen Fahrt, dem Stadtbummel und dem üppigen Geburtstagsessen waren wir dermaßen müde, dass uns der Lärm irgendwann ziemlich egal war. Wir schliefen trotzdem ein.

Ein ziemlich turbulenter Abschluss für einen ganz besonderen Tag – und vor allem ein schöner 17. Geburtstag für Marla.

08.08.2026 Augustów und zurück nach Warschau

Fünf Wochen unserer Reise waren inzwischen vergangen. Und plötzlich wurde die Zeit knapp: In einer Woche mussten wir wieder in Erfurt sein und es lagen nach 1500 Kilometer vor uns. Eigentlich hatten wir für heute noch einen Wacholderwanderweg und einen ehemaligen Atombunker auf dem Programm. Aber Pläne sind schließlich dazu da, unterwegs geändert zu werden. Wir beschlossen spontan, die Reise in Richtung Warschau fortzusetzen. So konnte Ulli auch noch etwas von der polnischen Hauptstadt sehen, und außerdem lockte uns ein ganz besonderes Ziel: Europas größter Aquapark.

Zunächst mussten wir allerdings überhaupt erst einmal aus Kaunas herauskommen. Unser Navi schickte uns dabei wieder einmal über Straßen, die es offenbar nur in der digitalen Welt gab. Zwei Straßen beziehungsweise Brücken existierten schlicht nicht mehr oder waren nicht befahrbar. Nach einigen Ehrenrunden fanden wir schließlich doch den richtigen Weg und erreichten die Autobahn Richtung Polen.

An der polnischen Grenze erwartete uns dann eine weitere Überraschung. Obwohl wir innerhalb des Schengen-Raums unterwegs waren, wurden sämtliche Fahrzeuge von der Autobahn heruntergeleitet und auf einen Parkplatz geführt. Dort wurden die Pässe kontrolliert. Offenbar handelte es sich um eine temporäre beziehungsweise stichprobenartige Grenzkontrolle. Nach kurzer Wartezeit durften wir weiterfahren.

Nach einiger Zeit beschlossen wir spontan, die lange Fahrt noch einmal zu unterbrechen und einen Abstecher nach Augustów zu machen. Vor einigen Wochen waren wir bereits hier gewesen, hatten damals aber eigentlich nur einen Parkplatz gesehen und die Stadt selbst kaum erkundet. Heute wollten wir das ändern – und Ulli sollte schließlich auch etwas davon haben.

Schon bei der Ankunft war klar, dass wir genau den richtigen Zeitpunkt erwischt hatten. Unter dem Motto „Augustów is the Future Festival 2026“ war mitten in der Stadt eine große Bühne aufgebaut. Verschiedene Bands machten gerade lautstark ihren Soundcheck und sorgten dafür, dass die Innenstadt bereits am Nachmittag nach Festival klang.

Wir schlenderten noch ein wenig durch die Stadt und besichtigten die Kirche, bevor sich bei den Kindern ein inzwischen vertrautes Bedürfnis meldete: Hotdogs von Żabka. Also steuerten wir die nächste Filiale an und versorgten uns alle mit dem polnischen Tankstellen- beziehungsweise Convenience-Store-Klassiker. Nach den bisherigen Erfahrungen gehört ein Besuch bei Żabka inzwischen fast genauso zu Polen wie Pierogi und Złoty.

Danach hieß es endgültig: Warschau, wir kommen!

Auf der Weiterfahrt legten wir noch einen Tankstopp ein und füllten den Dieseltank für 1,89 Euro pro Liter. Angesichts der inzwischen stark schwankenden Spritpreise waren wir damit ganz zufrieden.

Je näher wir Warschau kamen, desto mehr beschäftigte mich allerdings ein anderes Thema: Das Quietschen am Wohnmobil wurde bei langsamer Fahrt gefühlt immer schlimmer. Gleichzeitig wurde das Rad auf der Fahrerseite weiterhin spürbar warm. Langsam machte ich mir ernsthafte Sorgen, denn ein dauerhaft schleifendes oder schwergängiges Rad könnte auf ein Problem mit der Bremse, dem Radlager oder einer anderen Komponente des Fahrwerks hindeuten – und mit noch einer Woche Reise vor uns wollten wir natürlich keinesfalls irgendwo liegen bleiben.

Also beschlossen wir, die Sache im Auge zu behalten. Nach jeder längeren Fahrt wollen wir in Zukunft die Temperatur des Rades messen und mit den anderen Rädern vergleichen. Zum Glück haben wir ein Multimeter mit Temperaturfühler dabei. Damit konnten wir zumindest objektiv feststellen, ob sich das betroffene Rad tatsächlich deutlich stärker erwärmte als die anderen und gegebenenfalls einen Trend ablesen.

Am Abend erreichten wir schließlich Warschau und fanden einen Parkplatz bei einem Spielplatz, auf dem wir für die Nacht stehen bleiben konnten. Das Wohnmobil wurde abgestellt, und wir waren froh, endlich angekommen zu sein.

09.08.2026 Warschau, Suntago

Nach der aufregenden Anreise vom Vortag schliefen wir überraschend ruhig. Heute wollten wir noch einmal Warschau erkunden, bevor es am Nachmittag in Richtung Suntago, Europas größtem überdachten Wasserpark, gehen sollte.

Wir fuhren zunächst ein kurzes Stück zu einem Parkplatz in der Nähe der Altstadt. Da heute Sonntag war, konnten wir dort erfreulicherweise kostenlos beziehungsweise ohne die sonst üblichen Parkgebühren stehen. Von hier aus waren es nur wenige Minuten zu Fuß bis zur Warschauer Altstadt.

Die historische Altstadt gehört heute zum UNESCO-Weltkulturerbe – und das ist angesichts ihrer Geschichte durchaus bemerkenswert. Denn das, was heute so selbstverständlich nach mittelalterlicher Kulisse aussieht, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg nahezu vollständig wiederaufgebaut. Warschau war 1944 während des Warschauer Aufstands und der anschließenden systematischen Zerstörung durch die deutschen Besatzungstruppen zu rund 85 Prozent zerstört worden. Die detailgetreue Rekonstruktion gilt heute weltweit als außergewöhnliche Leistung der Denkmalpflege.

Wir konnten Ulli damit auch gleich beweisen, dass wir bei unserem ersten Besuch vor einigen Wochen tatsächlich alle wichtigen Kirchen abgeklappert hatten. Ulli hatte allerdings den Reiseführer deutlich intensiver studiert als wir und führte uns deshalb noch in einen unscheinbaren „Hinterhof“. Dort entdeckten wir tatsächlich eine Glocke, die wir bei unserem ersten Besuch übersehen hatten. Der Überlieferung nach soll es Glück bringen, wenn man die Glocke dreimal umrundet. Natürlich ließen wir uns diese Chance nicht entgehen – bei einer so langen Reise kann ein bisschen zusätzliches Glück schließlich nicht schaden.

Anschließend schlenderten wir über die Promenade in Richtung Präsidentenpalast und weiter zur monumentalen Universitätsbibliothek Warschau. Besonders beeindruckend ist dort der riesige Dachgarten, der zu den größten Dachgärten Europas gehört. Zwischen Wegen, Pflanzen, Wasserflächen und Aussichtspunkten wirkt die Bibliothek von oben fast wie ein Park über der Stadt.

Danach stiegen wir in die Metro und fuhren wieder in Richtung Kulturpalast. Beim letzten Besuch hatten wir das Gebäude nur von unten bestaunt. Heute wollten wir endlich hinauf: Für 7 Euro pro Erwachsenen ging es auf die Aussichtsplattform in der 30. Etage.

Der Blick über Warschau war wirklich beeindruckend. In alle vier Himmelsrichtungen konnten wir die Stadt überblicken – die historische Altstadt ebenso wie die modernen Hochhäuser und die weitläufigen Wohnviertel. Gleichzeitig hinterlässt der Kulturpalast ein merkwürdiges Gefühl. Das 1955 fertiggestellte Gebäude war ein Geschenk der Sowjetunion an Polen und wurde nach dem Vorbild der Moskauer „Sieben Schwestern“ errichtet. Mit seinen knapp 237 Metern war es jahrzehntelang das höchste Gebäude Polens. Heute steht es wie ein gewaltiges Relikt der sowjetischen Vergangenheit mitten zwischen den modernen Wolkenkratzern.

Nach so viel Kultur war eine Stärkung notwendig. Natürlich lag ein Żabka passend auf unserem Weg, und so gab es für uns wieder einmal den inzwischen obligatorischen polnischen Hotdog.

Anschließend schauten wir uns noch ein großes Einkaufszentrum mit einem beeindruckenden organisch geformten Glasdach an, bevor wir wieder in die Metro stiegen. Unser nächstes Ziel sollte angeblich eine der schönsten Metrostationen der Welt sein. Wir fuhren hin, stiegen aus – und waren ehrlich gesagt ziemlich enttäuscht. Entweder hatten wir den falschen Zugang erwischt oder uns fehlte schlicht der architektonische Zugang zu dem, was andere offenbar so begeistert. Jedenfalls hielt sich unsere Begeisterung in Grenzen.

Zurück am Wohnmobil stand allerdings ein weniger kulturelles, dafür umso wichtigeres Thema auf dem Programm: unsere Bremsen.

Wir fuhren zunächst rund 20 Kilometer quer durch Warschau, um an einer BP-Tankstelle unser Grauwasser zu entsorgen. Gleichzeitig nutzten wir die Gelegenheit, nach der Fahrt die Temperaturen der Räder zu messen. Das Ergebnis war durchaus auffällig: Auf der Beifahrerseite lagen wir bei etwa 40 °C, auf der Fahrerseite dagegen bei rund 60 °C.

Das war zwar ein deutlicher Unterschied, aber noch kein Grund zur Panik. Offenbar lagen die Bremsbeläge auf der Fahrerseite nur leicht an. Trotzdem behielten wir die Sache natürlich sehr genau im Auge. Schließlich hatten wir noch eine ganze Strecke bis Erfurt vor uns.

Danach ging es weitere 45 Kilometer über überraschend gute Straßen in Richtung Suntago. Am späten Abend erreichten wir den riesigen Parkplatz des Wasserparks und suchten uns ganz am äußersten Ende einen ruhigen Platz für die Nacht.

Noch einmal kontrollierten wir die Temperaturen: 35 °C auf der Beifahrerseite und 53 °C auf der Fahrerseite. Die Differenz war weiterhin vorhanden, allerdings lagen beide Werte niedriger als zuvor.

Damit konnten wir zumindest einigermaßen beruhigt schlafen. Und vor allem wartete direkt vor uns das eigentliche Highlight des nächsten Tages: Suntago – Wasserpark, Rutschen und jede Menge Spaß für die ganze Familie.

10.08.2026 Suntago: Ein ganzer Tag im Wasserparadies

Heute mussten wir keine große Anfahrt einplanen. Vom Stellplatz waren es gerade einmal etwa 100 Meter bis zum Eingang von Suntago. Also schlüpften wir direkt in Badesachen und Flipflops und machten uns auf den Weg. Obwohl wir bereits 20 Minuten vor der Öffnung dort waren, hatten offensichtlich noch viele andere Familien denselben Gedanken. Vor dem Eingang hatte sich bereits eine beachtliche Schlange gebildet.

Kurz nach 10 Uhr waren wir schließlich im Bad, verstauten unsere Sachen im Spind und machten uns auf die Suche nach einem guten Platz. Zu unserer Freude ergatterten wir gleich vier Liegen mitten zwischen echten Palmen – Urlaubsfeeling inklusive.

Suntago ist tatsächlich beeindruckend. Die riesige Halle wirkt fast wie eine eigene tropische Welt und ist mit einer unglaublichen Anzahl an Rutschen, Becken und Attraktionen vollgepackt. Direkt zu Beginn war es noch angenehm leer. Wir konnten praktisch ohne Wartezeit von einer Rutsche zur nächsten wechseln. Besonders komfortabel: Die Reifen wurden mit Förderbändern nach oben transportiert. Kein mühsames Schleppen der großen Reifen über mehrere Etagen.

Die Rutschen selbst waren ausgesprochen abwechslungsreich. Es gab schnelle Kurven, dunkle Tunnel, steile Abfahrten und die eine oder andere überraschende Kante, bei der einem kurz der Magen in Richtung Hals rutschte. Trotzdem waren auch die schwarz eingestuften Rutschen nie so extrem, dass man sich wirklich unwohl fühlte. Selbst wenn plötzlich ein kleiner Abgrund vor einem auftauchte, war das eher ein angenehmer Adrenalinschub als echter Schrecken.

Leider blieb dieser Luxus nicht lange erhalten. Das Bad füllte sich unglaublich schnell und schon bald bildeten sich an den beliebtesten Rutschen lange Schlangen. Irgendwann hatte ich genug vom Anstehen und zog mich ins Wellenbecken zurück. Dort konnte man sich treiben lassen und dem bunten Treiben zuschauen.

Überhaupt ist Suntago sehr stark auf Unterhaltung ausgerichtet. DJ, Schaumparty, Animationsteam und Poolbar sorgen dafür, dass eigentlich keine Langeweile aufkommen kann. Für die kleineren Besucher gibt es riesige Spiel- und Planschbereiche, Bereiche mit kinetischem Sand und verschiedene Reaktions- und Geschicklichkeitsspiele. Selbst wer nicht rutschen möchte, findet also mehr als genug Beschäftigung.

Besonders witzig fanden wir die elektronische Schnitzeljagd, die sich durch den gesamten Park zieht. Überall sind kleine Lesegeräte versteckt. Man hält einfach sein Besucherarmband davor und sammelt dafür Punkte oder erhält Hinweise auf weitere Stationen. Die gesammelten Punkte konnten am Abend gegen verschiedene Prämien eingetauscht werden – beispielsweise Rabatte für einen weiteren Besuch, Armbänder, Frisbees oder sogar „goldene“ Münzen.

Zum Mittagessen machten wir eine Pause im italienischen Restaurant und stärkten uns mit Pizza. Danach ging es natürlich wieder zurück ins Wasser.

Mein persönliches Highlight war der Lazy River, der im Stil einer tropischen Piratenwelt gestaltet ist. Man steigt einfach in einen Reifen, lässt sich von der Strömung treiben und kann dabei die aufwendig gestaltete Umgebung bestaunen. Genau die richtige Attraktion, wenn man zwischendurch einmal keine Lust auf Rutschen und Action hat.

So wechselten wir den ganzen Tag zwischen Rutschen, Wellenbecken, Lazy River, Entspannen und Getränken an der Poolbar. Die Zeit verging unglaublich schnell. Erst gegen 21 Uhr hieß es schließlich: Schluss für heute.

Bevor wir gingen, holten wir noch unsere erspielten Prämien ab. Marlon hatte offensichtlich einen besonders ehrgeizigen Rutschplan entwickelt und war so häufig unterwegs, dass er tatsächlich genügend Punkte für eine dieser „goldenen“ Münzen gesammelt hatte. Entsprechend stolz war er auf seine Trophäe. Und dann gab es eine weitere Überraschung: Über eine KI-gestützte Gesichtserkennung konnten wir die Fotos, die während des Tages an verschiedenen Attraktionen aufgenommen worden waren, automatisch finden lassen. Für rund 13 Euro konnten wir die digitalen Bilder des Tages mitnehmen – eine nette Erinnerung an einen wirklich außergewöhnlichen Tag.

Mit knapp 200 Euro für uns vier war der Besuch sicher kein billiger Spaß. Wenn man allerdings bedenkt, dass wir praktisch den gesamten Tag dort verbracht haben und von den Rutschen über die tropische Landschaft bis hin zu Shows, Animation und zahlreichen anderen Attraktionen wirklich unglaublich viel geboten bekamen, empfanden wir den Preis am Ende als durchaus angemessen.

Nach zehn Stunden Wasser, Rutschen und tropischem Freizeitpark waren wir jedenfalls restlos geschafft. Ein ziemlich perfekter Abschluss für unseren Sommerurlaub, bevor es wieder nach Hause ging.

11.08.2026 Von Suntago nach Breslau

Nach dem langen Tag im Aquapark waren wir gestern Abend so erledigt, dass wir keine Lust mehr auf weitere Kilometer hatten. Also blieben wir einfach noch eine Nacht auf dem Parkplatz. Eine gute Entscheidung, denn wir schliefen ausgesprochen gut.

Zumindest bis kurz nach 8 Uhr. Dann war es mit der Ruhe vorbei und irgendwo in der Nähe wurde wieder der Rasenmäher angeworfen. Offenbar gibt es Menschen, die ihre Arbeit grundsätzlich genau dann beginnen müssen, wenn Wohnmobilisten gerade besonders gut schlafen.

Auch die Abfahrt entwickelte sich noch zu einem kleinen Abenteuer. Die Kennzeichenerkennung an der Schrankewollte unser Wohnmobil offenbar nicht akzeptieren. Wir fuhren mehrere Minuten ein Stück vor, wieder zurück, probierten es erneut – nichts. Irgendwann hatte die Parkaufsicht offenbar ein Einsehen mit uns. Die Schranke öffnete sich plötzlich wie von Geisterhand und wir durften hinausfahren, ohne dass wir überhaupt bezahlen mussten. Knapp 18 Euro gespart – Glück muss man haben!

Unser erster Weg führte uns anschließend zu Inter Cars, wo wir für unseren Ducato noch etwas Motoröl besorgten. Der Ölstand näherte sich inzwischen der Minimum-Markierung und nach den vielen Kilometern wollten wir hier lieber nichts riskieren.

Danach ging es zum Lidl. Dort gaben wir erst einmal Dutzende leere Flaschen zurück und füllten anschließend unsere Vorräte wieder auf. Schließlich lagen noch einige Kilometer vor uns. Währenddessen machte ich noch einen Abstecher in die Apotheke gegenüber und besorgte mir eine Tube Voltaren. Meine linke Schulter machte mir inzwischen zunehmend Probleme. Seit zwei Tagen schmerzte sie so stark, dass ich den linken Arm kaum noch heben konnte.

Die rund 300 Kilometer bis Breslau teilten wir uns deshalb beim Fahren auf. So konnte ich mich zwischendurch etwas schonen und musste nicht die gesamte Strecke selbst bewältigen.

In Breslau angekommen, führte unser erster Weg natürlich zu einem Żabka. Nach all den Wochen im Baltikum und Polen gehört der obligatorische Hotdog dort inzwischen fast schon zum festen Reiseprogramm. Also gönnten wir uns noch einmal diesen polnischen Kult-Snack, bevor wir uns zu einem letzten Stadtbummel aufmachten.

Wir schlenderten noch einmal durch die Innenstadt, über den Marktplatz mit seinem prachtvollen historischen Rathaus und vorbei an den inzwischen vertrauten Breslauer Zwergen. Diese kleinen Figuren gehören mittlerweile untrennbar zum Stadtbild. Ursprünglich entstanden sie als Symbol der oppositionellen „Orangenen Alternative“, einer studentischen Protestbewegung der 1980er-Jahre, und wurden später zu einem echten Wahrzeichen der Stadt.

Natürlich musste auch noch ein kleines Erinnerungsstück für unsere Sammlung her – und so fand ich tatsächlich noch ein passendes Bild für unsere Erinnerungssäule.

Weiter ging es zur Markthalle, wo wir eine kleine Pause einlegten. Kaffee wurde gemacht, dazu gab es Eis und anschließend suchten wir uns eine Bank am Wasser. Dort konnten wir einfach eine Weile sitzen und dem Treiben auf der Oder zuschauen. Nach den vielen Kilometern und den zahlreichen Erlebnissen der letzten Wochen tat diese kleine Auszeit richtig gut.

Irgendwann hieß es dann aber endgültig Abschied nehmen. Wir stiegen wieder ins Wohnmobil und fuhren noch ein Stück weiter, bis wir einen geeigneten Stellplatz für die Nacht gefunden hatten.

Zum Abschluss des Tages gab es zwei Dinge, die mittlerweile fast genauso selbstverständlich zu unserem Reisealltag gehören wie Frühstück und Wohnmobil: eine Runde Skat und ein alter Edgar-Wallace-Film. Heute fiel die Wahl auf „Die Tür mit den sieben Schlössern“.

Ein ruhiger Abend nach einem langen Reisetag – und langsam wird uns bewusst, dass unsere sechs Wochen Abenteuer tatsächlich dem Ende entgegengehen.

12.08.2026 ein letzter Hotdog in Polen, Görlitz, Chemnitz

Nach der langen Fahrt vom Vortag hatten wir einen ausgesprochen schönen Übernachtungsplatz gefunden und schliefen wunderbar ruhig im Schatten eines alten Turmtores eines Schlosses. Doch heute hieß es endgültig: Strecke machen. Unser Urlaub neigte sich unaufhaltsam dem Ende entgegen, und am Freitag wollten wir wieder in Erfurt sein.

Die ersten rund 50 Kilometer liefen problemlos. Dann allerdings war plötzlich die Autobahn gesperrt und wir mussten die nächste Ausfahrt nehmen. Was nun folgte, fühlte sich ein wenig wie eine improvisierte Rallye an. Gemeinsam mit einer langen Kolonne fuhren wir bis zum nächsten Kreisverkehr. Dort nahm gefühlt jeder eine andere Ausfahrt – und schon waren wir plötzlich allein auf einer Straße.

Eine ziemlich ungewöhnliche Straße noch dazu: Sie war offenbar so neu, dass weder Fahrbahnmarkierungen noch Leitpfosten oder Verkehrsschilder vorhanden waren. Wir fuhren also vorsichtig auf einer Straße, die eigentlich schon fertig aussah, aber noch keinerlei Orientierungshilfen besaß. Ein ziemlich skurriles Erlebnis.

Einige Kilometer später fanden wir wieder zurück in den Verkehr und landeten prompt im nächsten Stau. Fast 30 Kilometer ging es im Stop-and-go durch die Stadt, bevor wir schließlich wieder auf die Autobahn Richtung Görlitzgelangten.

Kurz vor der Grenze legten wir noch einen Tankstopp ein. Für 1,89 Euro pro Liter Diesel konnten wir den Tank noch einmal vergleichsweise günstig füllen. Kaum vorstellbar, dass der Liter auf der deutschen Seite zu diesem Zeitpunkt bereits 2,39 Euro kostete. Ein Unterschied von 50 Cent pro Liter – bei einem Wohnmobil-Tank kommt da schnell eine ordentliche Summe zusammen.

Und natürlich durfte auch ein Abschied von Polen nicht fehlen: Bei Żabka holten wir uns zum vermutlich letzten Mal auf dieser Reise einen der inzwischen legendären polnischen Hotdogs. Nach fünf Wochen gehörte dieser kleine Imbiss irgendwie genauso zu unserem Reisealltag wie Skat am Abend und das Frühstück im Wohnmobil.

Dann ging es über die Grenze nach Deutschland. Die Fahrt nach Görlitz erwies sich allerdings als erstaunlich kompliziert. Selbst Google Maps wollte uns einen gewaltigen Umweg fahren lassen. Zum Glück fanden wir schließlich doch noch einen kleinen Schleichweg und konnten über die Brücke den Grenzfluss Lausitzer Neiße überqueren.

Unser erstes Ziel auf deutscher Seite war die Parkeisenbahn Görlitz. Für unglaubliche 8 Euro für die gesamte Familie konnten wir eine Runde mit der kleinen Bahn drehen. Nach den vielen teuren Attraktionen der vergangenen Wochen fühlte sich das fast wie ein Schnäppchen an.

An einer Autobahnmeisterei nutzten wir anschließend noch einmal die Gelegenheit zur Ver- und Entsorgung des Wohnmobils. Schließlich sollte auf den letzten Kilometern nichts mehr schiefgehen.

Gegen 18 Uhr erreichten wir schließlich Chemnitz. Und dort wartete eine ganz besondere Überraschung auf uns: Wir wurden mit einem großen „Helau!“ begrüßt.

Nach fünf Wochen Baltikum, unzähligen Kilometern, vier Ländern, unzähligen Burgen, Museen, Stränden, Aquaparks und Stellplätzen fühlte sich das fast schon wieder ein bisschen nach Zuhause an.